Mannheim

Mannheim im Herbst 2015: Jede Nacht rollen Sonderzüge an Drehkreuz am Hauptbahnhof

Es geht ganz schnell, gänzlich ungeplant. Im Herbst 2015 hat Mannheim binnen kurzer Zeit plötzlich 15 000 Einwohner mehr – das entspricht etwa der Bevölkerungszahl von Feudenheim. Doch es sind Flüchtlinge, oft traumatisiert, arm und eiligst armselig-provisorisch untergebracht.

Es geht unmerklich los. Lange sind Flüchtlinge nur in der Industriestraße untergebracht. Im Juli 2015 wird dazu die ehemalige Highschool in Benjamin Franklin Village belegt. Erst ist von 600 Menschen die Rede, dann von über 1000.

Nur Wochen später ist das 15-Fache dieser Zahl erreicht. Dabei rechnet die Stadt zu dem Zeitpunkt fest damit, die Kasernenflächen demnächst kaufen und neu entwickeln zu können. Doch ab Mitte September müssen über Nacht in Benjamin Franklin weitere 1500 Flüchtlinge untergebracht werden. Das Rote Kreuz wird ohne Vorbereitung plötzlich Träger einer „Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung“. Leere, von Strom- und Wassernetz abgeklemmte frühere Soldaten-Wohnblocks müssen von Ehrenamtlichen völlig überstürzt hergerichtet, Feldbetten aufgeschlagen, eine Beleuchtung montiert, Dixi-Klos aufgestellt werden. Anfangs stehen ganze Reihen von Waschbecken im Freien, später kommen Duschcontainer.

Kurz darauf stoppt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) Gespräche mit der Stadt über den Ankauf von Kasernengeländen. Dafür werden über Wochen hinweg Rotkreuzler, Mitglieder des Technischen Hilfswerks und der Freiwilligen Feuerwehr – vorwiegend nachts – eilig zusammengetrommelt, um noch mal und noch mal Feldbetten aufzuschlagen, Wasserrohre oder Scheinwerfer zu installieren, einen bislang leeren Wohnblock nach dem anderen in Betrieb zu nehmen.

Alarm bei Jugendamt und Polizei

Zudem wird das alte Postgelände am Hauptbahnhof, heute längst mit Hotel und Wohnungen bebaut, zum Drehkreuz für Flüchtlinge für ganz Süddeutschland. Nacht für Nacht rollen hier Sonderzüge an, mit hunderten von Asylsuchenden – in manchen Nächten über 1200. Vier Mitglieder der Johanniter-Schnelleinsatzgruppe stehen mit Wasser und Keksen bereit; dazu kommen zwei Malteser; alles Ehrenamtliche, jede Nacht. Anfang Oktober überschlagen sich die Ereignisse. Plötzlich reicht auch Benjamin Franklin nicht mehr. Wieder müssen in einem nächtlichen Kraftakt Ehrenamtliche Kasernengebäude herrichten, nun nördlich der Birkenauer Straße (Funari). „Helfer am Ende ihrer Kräfte“ titelt der „MM“.

Aber es geht weiter. Erst werden Lagerhallen der Feudenheimer Spinelli-Kaserne mit Menschen belegt (anfangs unter schlimmen Bedingungen), dann die Hammonds-Kaserne Seckenheim. Inzwischen helfen Firmen und Bundeswehr, weil THW und Freiwillige Feuerwehr es nicht mehr schaffen. Das Rote Kreuz beordert Helfer gar aus Calw und Schwäbisch Gmünd nach Mannheim.

Zwischendurch schlägt der Personalrat des Jugendamtes Alarm, weil Personal bei der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge fehlt. Und jede Nacht dreht sich das „Drehkreuz“ weiter, wenn auch ab November an anderer Stelle des Postgeländes. Bei den Bürgern wächst die Angst vor Kriminalität. Daher kündigt die Polizei sogar an, eine eigene Wache direkt in Benjamin Franklin Village einzurichten.

Aber dazu kommt es nicht mehr. Die Zahl der Flüchtlinge sinkt drastisch. Das Drehkreuz dreht sich ab Februar langsamer, steht ab Anfang April 2016 ganz still.

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