Mannheim

Soziales Wissenschaftler Klaus Schellberg spricht sich für mehr Suchtberatung aus und erklärt, wie sie wirkt

Mannheimer Abendakademie: Vortrag rund um Anlaufstellen für Suchtkranke

Archivartikel

Was bringt soziale Arbeit für Menschen und wie wirkt sie sich finanziell aus? Das versuchte Professor Klaus Schellberg von der evangelischen Hochschule Nürnberg in seinem Vortrag „Suchtberatung wirkt“ zu beschreiben. Er kam auf Einladung des Drogenvereins Mannheim anlässlich des bundesweiten „Tags der Suchtberatungsstellen“ in die Abendakademie. Vortrag und anschließende Podiumsdiskussion wurden live ins Internet übertragen. Mit dem Thema sollte der gesellschaftliche Mehrwert der Beratung verdeutlicht werden. Wobei es sozialen und finanziellen Mehrwert gibt.

Schellberg betonte, dass die Gesellschaft laut einer wissenschaftlichen Studie durch die Existenz von Suchtberatungsstellen spart: Durchschnittlich pro Fall 20 700 Euro langfristig. Gäbe es diese Beratung nicht, würden vor allem wegen Langzeitarbeitslosigkeit, stationären Therapien (Suchtentwöhnung) und Behandlung von Depressionen hohe Kosten entstehen. Bei der Ersparnis seien nur Kosten der öffentlichen Hand berücksichtigt, nicht die bei Arbeitgebern und Angehörigen. Der Ersparnis gegenüber stehen laut Schellberg lediglich 740 Euro Kosten pro Fall. Die Folgen von Sucht sind vielfältig und laut dem Wissenschaftler nur teilweise in Geld messbar: Krankenhausaufenthalt, Unfälle, psychische Störungen, Verlust von Arbeitsplatz, Obdachlosigkeit, Gewalt, Streit mit Partnern und Kindern, körperliche Schäden bei Neugeborenen und einiges mehr.

Ein Vielfaches gespart

Bei seinen Berechnungen ging Schellberg auf die direkte Rückzahlung des eingesetzten Kapitals ein. Als extremes Beispiel für soziale Arbeit nannte er eine Kirchengemeinde, die 5,16 Millionen Euro Zuschüsse erhalte (ohne Kirchensteuer) und 4,79 Millionen Euro in Form von Steuern und Sozialversicherung zurückzahle. Durchschnittlich würden die direkten Rückflüsse bei Sozialeinrichtungen um die 50 Prozent betragen. Hinzu kommen die durch Sozialarbeit vermiedenen Kosten. Für die Suchtberatungsstellen in Baden-Württemberg nannte Schellberg den Faktor 28 als gesellschaftlichen Mehrwert: Bei 257 000 Euro Zuschüssen wären somit 1,35 Milliarden Euro gespart. Sein Fazit: „Im Fall der Suchtberatung bringt sie mehr als sie kostet.“ In der Schweiz etwa sei entschieden worden, Heroin kontrolliert an Süchtige abzugeben, weil dies einen gesellschaftlichen Mehrwert bringe.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion erklärte Arbeitserzieher Marc-Olivier Storz, dass es für Sucht keine eindeutige Ursache gebe, da hänge vieles zusammen. Er sprach auch als Betroffener, ihm habe die Suchtberatungsstelle sehr geholfen. Claudia Schöning-Kalender ist für die SPD-Gemeinderatsfraktion unter anderem Sprecherin für Soziales. Sie erklärte, dass der Anteil der Pflichtleistungen der Kommunen sehr hoch sei. Hintergrund: Diese muss eine Kommune finanzieren. Deshalb wird bei freiwilligen Leistungen, zu denen auch die Finanzierung von Beratungsstellen gehört, als erstes gespart. Laut Schöning-Kalender bleibt „ein relativ kleiner Topf, um den sich viele bewerben“, übrig.

Gruppen nicht erreicht

Schellberg erklärte dazu: „Man muss sich klar machen, dass bei einem Verzicht auf Investition die Zukunft belastet wird.“ Mit anderen Worten: Erhält ein Suchtkranker heute keine Beratung, entstehen in den Folgejahren andere Kosten. Bürgermeister Dirk Grunert betonte: „Wir müssen in der Gesellschaft Prioritäten abklären, ohne die Folgen auszurechnen.“ Philip Gerber vom Drogenverein Mannheim erläuterte, dass mehr ins Soziale investiert werden müsse. Relativ viele Gruppen wie beispielsweise die Partyszene könne sein Verein nicht erreichen, mit mehr Geld wäre mehr möglich.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, sagte: „Wenn die Hilfe vor Ort wegbricht, stehen Suchtkranke und ihre Familien alleine da.“ Gute Beratung vor Ort sei „der erste Schritt raus aus der Sucht“.

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