Mannheim

Mehr Achtsamkeit

Archivartikel

Filmfestival auf der Parkinsel in Ludwigshafen: Ich liebe die Atmosphäre unter den illuminierten alten Platanen, den Blick auf die Menschen, die aus den Kinos strömen oder vor ihnen warten. Wie vergangenen Montag. Ein Freund rief an, er habe schon Karten und würde mir welche besorgen, wenn ich wollte: „The Whale and the Raven“. Der Titel sagte mir nichts, aber darum geht es ja beim Filmfestival. Filme zu sehen, die ich sonst nie sehen würde. Die den Horizont erweitern. Ich wollte.

Es stellte sich heraus, dass „The Whale and the Raven“ ein Dokumentarfilm über Buckelwale und Orkas im ausgedehnten Fjordgebiet an Kanadas Westküste ist. Im Zentrum des Films steht eine alte Legende der Gitga’at, einer der First Nations der Gegend. Einst kam auf ihrer Jagd nach Lachsen ein Boot mit Fischern in den Fjord. Müde und abgekämpft nach einem langen Tag auf See wollten sie ankern. Doch ließen sie nicht, wie üblich, den Anker vorsichtig ab, um niemanden zu verletzen. Sie sprachen nicht wie üblich zuvor ein Gebet zum Schöpfer. Achtlos warfen sie den Anker über Bord. Er sank entsprechend schnell und krachte laut auf das Dach des Orka-Häuptlings der Gegend.

„Nehmt euch nicht mehr“

„Was ist denn das?“, fragte der, als sein Haus zu beben begann, und schickte zwei seiner Krieger los, um der Sache auf den Grund – besser gesagt: an die Wasseroberfläche – zu gehen. Die beiden Orkas näherten sich dem Boot. Sie umschwammen es in Kreisen, bis das Boot mit den Fischern in einem Strudel hinabgezogen wurde. Die Männer waren voller Todesangst. Doch der Orka fragte sie bloß in vorwurfsvollem Ton nach dem Sinn ihres Tuns. Da fasste sich der Mutigste der Fischer ein Herz und antwortete: „Wir taten nicht, was wir gelernt hatten. Müde und abgekämpft nach einem langen Tag ließen wir unseren Anker achtlos fallen, ohne zu sorgen, ob er womöglich Schaden anrichten würde. Wir bitten dich: Vergib uns unsere Gedanken- und Respektlosigkeit.“

Da dachte der alte Orka: „Womöglich ist heute ein guter Tag, um den Fischern etwas Neues zu zeigen.“ Und er führte sie durch seine Welt, zeigte ihnen die Wanderwege der Lachse. Und am Ende seiner Führung sagte er: „Das ist das Gesetz des Lebens: Was ihr braucht, ist vorhanden. Doch nehmt euch nicht mehr.“

Viele Gedanken

Wir waren ganz schön schweigsam auf unserer Fahrt zurück nach Mannheim. Jeder von uns war beschäftigt, das konnte man spüren. Vielleicht mit dem Konflikt zwischen dem Schutz der Wale und der Notwendigkeit wirtschaftlicher Entwicklung, dem die Gitga’at ausgesetzt sind. Vielleicht mit der Frage, was wir selbst uns aus dem Zusammenhang des Lebens herausnehmen – und ob wir das tatsächlich alles brauchen.

Ich dachte darüber nach, dass wir mehr solcher Geschichten von Achtsamkeit und Fülle, von der Spiritualität des Lebens brauchen. Geschichten wie die vom Volk Israel, das in der Wüste von Manna und Wachteln leben konnte, die jeden Morgen und jeden Abend wunderbar vorhanden waren, von denen sich aber keine Vorräte anlegen ließen. Geschichten wie die von Greta Thunberg, die auf einem Segelboot den Atlantik überquert, um klimaneutral zur UN zu reisen. Und ich dachte, wir brauchen mehr Gebete zum Schöpfer, bevor wir uns nehmen, was wir brauchen.

Pfarrer Stefan Scholpp, Christusfriedengemeinde

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