Mannheim

Landgericht 27-jähriger wegen versuchten Totschlags angeklagt

Messer-Angriff mit 2,6 Promille

Artem S. sitzt nahezu reglos neben seiner Rechtsanwältin Ursula Domke, nur seine ineinander gelegten Hände mit sich stets bewegenden Fingern zeigen eine gewisse Unruhe. Dem 27-Jährigen Mannheimer wird vorgeworfen, am 16. Dezember 2017 einen Gast in einer Kneipe in der Friedrich-Ebert-Straße mit einem Cuttermesser einen langen Schnitt zugefügt zu haben. Zum Prozessauftakt gestern am Landgericht wurde ein Foto gezeigt, dass kurz nach der Tat in der Klinik vom Opfer aufgenommen wurde: 15 Zentimeter lang ist die klaffende Wunde unterhalb des Kehlkopfs. Etwas tiefer und Schlagadern wären offen gewesen – das Opfer hätte sterben können. Die Anklage lautet versuchter Totschlag.

Bier und Wodka getrunken

Der Angeklagte kann sich an das Geschehen nicht erinnern, möchte sich jedoch beim Opfer entschuldigen und bereue die Tat. Er habe an dem Tag gearbeitet, habe am Nachmittag zuerst bei einem Elektronikmarkt etwas gekauft und zu seiner Mutter gebracht, wo er derzeit wohnt. Die Frage, wie lange er sich dort aufgehalten hat, kann er sich nicht beantworten.

Da ruft eine Frau aus dem Zuschauerraum: „Zwei Minuten“ – Richter Gerd Rackwitz reagiert mit „Sie sind hier still!“. S. erklärt weiter, dass er dann zusammen mit einem Bekannten Alkohol getrunken habe – Bier und Wodka. Wieviel, weiß er nicht. Eine Blutprobe hatte nach der Tat 2,6 Promille ergeben, deshalb geht das Gericht von verminderter Schuldfähigkeit aus. Das Opfer sagte als Zeuge aus. Der Bulgare erklärte, dass Artem S. offensichtlich betrunken gewesen sei. S. sei in der Kneipe zu ihm bekommen und habe sich zusammenhangslos über Deutsche beschwert. Schließlich habe er diesen und seinen ebenfalls betrunkenen Freund darum gebeten, zu gehen. Der Zeuge und ein Bekannter sind mit den beiden kurz nach Mitternacht nach draußen gegangen, „wir haben uns freundschaftlich verabschiedet“. Doch nach einigen Minuten seien die beiden wieder hineingekommen, Artem S. habe gesagt, dass er seinen Rucksack vergessen hat. Der Zeuge schaute, so sagte er aus, nach dem Rucksack, fand ihn nicht, drehte sich um und in diesem Moment habe Artem S. ihn mit dem Messer in den Hals geschnitten. Von dem Geschehen gibt es eine Aufnahme einer Überwachungskamera.

Artem S. wurde 1991 im russischen Omsk geboren, der Vater war deutschstämmig, deshalb siedelte die Familie 1997 nach Deutschland über. Die Eltern trennten sich, der alkoholkranke Vater starb 2011. S. hat die Hauptschule abgeschlossen, brach jedoch eine Ausbildung ab – wegen Mobbing. 2013 und 2016 wurde er Vater, einen Monat vor der Tat trennte sich das Paar. Der 27-Jährige hat nach eigenen Angaben seit seinem 16. Lebensjahr täglich bis zu sechs Flaschen Bier und unregelmäßig Schnaps getrunken, um seine Schüchternheit zu überwinden. Morgen wird der Prozess um 9 Uhr am Landgericht fortgesetzt. RoS