Mannheim

Geburtstag Bloomaul und Marchivum-Direktor Ulrich Nieß wird 60 Jahre alt

Mit Begeisterung Geschichte vermittelt

Er nimmt es, typisch Bloomaul, mit Humor: Ab heute sei er zur Gruppe der Risikopatienten „aufgestiegen“, scherzt Ulrich Nieß. Trotzdem werde er weiter „mit Freude meinen Beruf vor Ort nachgehen, weil er mir viel bedeutet!“, betont der Marchivum-Direktor, der heute seinen 60. Geburtstag feiert.

Wobei er nicht feiert, sondern in den Bergen Urlaub macht. „Schließlich ist höheres Alter kein Verdienst, sondern dem glückhaften Umstand – oder göttlicher Gnade – geschuldet, dass man noch nicht gestorben ist“, betont der Historiker. Aber Verdienste um Mannheim erworben hat er sich sehr wohl, denn ohne Grund bekommt man die höchste bürgerschaftliche Auszeichnung der Stadt nicht – gerade als Auswärtiger.

Das Verleihungskomitee hat das 2011 mit der „in Wort und Tat für die Quadratestadt entfachten Liebe“ begründet. Begonnen hat Nieß damit ab 1993. Nach dem Studium der Geschichte und Mathematik an der Universität Saarbrücken wollte er zwar erst Lehrer werden. Doch am Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte entfachte man erstmal seine Liebe zur Historie, ebnete ihm den Weg zur Promotion. Schließlich durchlief er die Archivarausbildung, ehe er 1993 als Abteilungsleiter Zwischenarchiv zum damaligen Stadtarchiv Mannheim kam und 2001 dessen Leitung übernahm.

Seither hat er einen Wandel bewältigt, der mit gewaltig noch untertrieben ist. Das Stadtarchiv heißt nicht nur inzwischen Marchivum, es arbeitet auch völlig anders. Nieß trat stets dafür ein, die Quellen mehr zu öffnen, Hemmschwellen der Benutzer zu senken, die alten Sachen von der Aura des Geheimnisvollen befreien. Mit Veranstaltungen, Publikationen, auch mal unkonventionellen Aktionen will er Geschichte vermitteln – stets überzeugt davon, dass man aus der Erinnerung auch Erkenntnisse, ja Kraft für die Bewältigung der Zukunft schöpfen kann.

Ort der Kultur geschaffen

Dabei kommt Nieß zugute, dass er keineswegs dem Klischee vom trocken-verstaubten, altertümlichen und aktenfressenden Typ mit Ärmelschonern entspricht. Der Mann beweist immer wieder intelligenten Humor und ist ein sympathisch-offener, fröhlicher Mensch, der die Menschen für sich einzunehmen weiß, der Leute für etwas begeistern kann – gerade auch für Geschichte.

Dabei legt er oft die Zurückhaltung des Beamten ab und formuliert sehr direkt, offen und kritisch. Als er nach dem Stadtjubiläum 2007 ziemlich unverblümt darstellte, wie wenig all die Aktionen an die enorme Aufbruchstimmung beim Jubiläum 1907 heranreichten, hat ihm das im Rathaus nicht nur Freunde gemacht – aber Nieß war es egal.

Einen wichtigen Kampf hat er dennoch gewonnen – den ums Marchivum. Der Umbau des Ochsenpferchbunkers zum Haus der Stadtgeschichte und Erinnerung schien zunächst Utopie, war nicht unumstritten. Nieß hat es gewagt und gewonnen, denn das Projekt erregte in ganz Deutschland Aufsehen als gelungenes Beispiel, wie man ein geschichtlich belastetes Denkmal zu einem lebendigen Ort der Kultur machen kann. Nieß wird ihn weiter mit Leben erfüllen. 

Zum Thema