Mannheim

Mittwoch, 8. November 1989

Wieder ist es die Rubrik „Auf ein Wort“, die das Interesse der Leser 30 Jahre später verdient hat. Am 8. November 1989 veröffentlichte die „Sächsische Zeitung“ („SZ“) das Zitat eines Zehntklässlers. Der Junge, Hendrik Kuhn, schrieb damals: „Es wurden grundlegende Fehler gemacht. Die SED, unsere führende Partei, hatte die Macht. Sie hätte auch die anderen Parteien beteiligen sollen. Die Regierung hat jahrelang die Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht wahrhaben wollen. Das Volk hat lange Zeit nur leise etwas dagegen unternommen. Es hätte mehr Druck machen müssen, damit sich etwas ändert.“ Der Schüler schrieb das in einer Geschichtsarbeit über das Jahr 1951. Der „SZ“-Autor bezog das auf das Jahr 1989.

Und da zeigt sich – ein Tag vor der Wende –, dass das Volk und selbst die Medien nicht mehr leise waren. Hendrik bekam die Note Eins auf seinen Aufsatz. „Es ist eine bewegte Zeit, die wir durchleben“, schreibt die „SZ“. „Eine Zeit, die erfordert, Farbe zu bekennen – im Arbeitskollektiv, auf der Straße und durch Wortmeldungen.“ Jeder müsse Farbe bekennen, heißt es weiter. Und deshalb verpflichtete sich auch die „SZ“ dazu, Farbe zu bekennen. Im objektiven Journalismus gebe es subjektive Widerspiegelung der Realität. Jeder Meinungsbeitrag werde daher von nun an mit Namen gekennzeichnet. Das zeigt, wie weit es bereits in der DDR gekommen war. jor

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