Mannheim

Jubiläum Vor 50 Jahren startete die Physiotherapieschule des Klinikums als Krankengymnastik-Lehranstalt

Moderner Heilberuf in Bewegung

Archivartikel

Nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium. Diese Volksweisheit trifft auch für das Domizil der Physiotherapieschule zu, die am morgigen Freitag 50-Jähriges feiert. Als die „Lehranstalt für Krankengymnastik“, so die ursprüngliche Bezeichnung, 1969 im Hinterhof der Alten Brauerei (Käfertaler Straße 162) ehemalige Lagerräume bezog, hieß es in der Einladung: „provisorisch angemietet“ . Dabei blieb es.

Allerdings haben die Übergangs- Räume über steiler Treppe bald ausgedient: Im Frühjahr 2020 zieht die Ausbildungsstätte der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) nach „Franklin“ um. Aus der Not eine Tugend machen, darauf hat sich die Schule fünf Jahrzehnte verstanden. Jutta Hinrichs – seit 30 Jahren dabei, davon 25 Jahre als Leiterin – nennt als „großes Plus“ die Nähe zum gegenüberliegenden Klinikum und die „familiäre Atmosphäre“.

Die Ausbildung hat sich inzwischen mächtig gewandelt: von der zweijährigen Krankengymnastik mit Anerkennungsjahr zur dreijährigen Physiotherapie mit 2900 Stunden Theorie und 1600 Praxisstunden. Auch wenn der Unterricht am Patienten hauptsächlich in der UMM erfolgt, gibt es weitere Kooperationspartner: die neurologisch ausgerichteten Schmieder-Kliniken, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und das Pauline -Maier-Pflegeheim.

Und was änderte sich seit 1969 konkret? Früher hat es viel mehr passive Verrichtungen, wie „die heiße Rolle“, und strikt gehandhabte Übungsabläufe gegeben, erläutert Jutta Hinrichs. Heute gehe es nicht nur um funktionsgestörte Gelenke: „Wir haben den gesamten Menschen im Blick!“ Die Fachfrau ergänzt: „Physiotherapeuten üben beim Behandeln deutlich mehr Eigeninitiative aus, verstehen sich als Berater von Patienten.“ Auch bei der Vorsorge. Lehrkraft Lisa Hettlinger nickt: „Wir sind weg vom früheren Schema F!“ Die fachliche Kunst bestehe darin, aus einer Vielzahl physiotherapeutischer Techniken jene Therapie auszuwählen, die für den einzelnen Patienten maßgeschneidert erscheint. Geändert hat sich außerdem, dass mit Unikliniken verbundene Ausbildungsstätten den im Stationsalltag eingesetzten Lernenden eine Vergütung zahlen – wie das bei angehenden Pflegekräften selbstverständlich ist. Lisa Hettlinger, die 2013 an der UMM ihr Examen als Physiotherapeutin abgelegt hat, gehört noch zu jenen, die Schulgeld bezahlen mussten.

Bei dem morgigen Jubiläums-Fest soll der Blick auch in die Zukunft gerichtet werden. Das Berufsbild wird nämlich heiß diskutiert: Anders als in den meisten europäischen Ländern mit akademisierter Ausbildung gilt in Deutschland Physiotherapie noch als weisungsgebundener Heilhilfsberuf. Das soll sich ändern. Die UMM-Schule bietet bereits in Kooperation mit der Medizin-Fakultät Heidelberg einen Studiengang. Außerdem beteiligen sich angehende Physiotherapeuten in der UMM an einer „interprofessionellen Ausbildungsstation“, wo mehrere Berufsgruppen im Einsatz sind.

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