Mannheim

Rückblick Ein Besuch auf dem Jüdischen Friedhof erinnert an viele Mäzene / Rundgang am Sonntag

Monumente der Stadtgeschichte

Er ist ein faszinierender Ort der Stadtgeschichte: der Jüdische Friedhof Mannheim, der mit Abstand größte Jüdische Friedhof in Baden-Württemberg. Am Sonntag, 13. Oktober, um 11 Uhr wird dort wieder eine Führung angeboten.

Über 10 000 Menschen sind hier seit 1842 bestattet. Bet Olam, Hebräisch für „Haus der Ewigkeit“, nennen Juden ihren Friedhof. Die sonst üblichen Ruhezeiten von 15 oder 30 Jahren, nach denen Gräber auf öffentlichen Friedhöfen eingeebnet werden, gibt es hier nicht. Daher hat die Jüdische Gemeinde das Areal auch von der Stadt gekauft. Wer hier bestattet ist, wartet darauf, wieder zum Leben erweckt zu werden – beim Erscheinen des Messias in Jerusalem, erläutert Volker Keller, der ein Buch über den Friedhof geschrieben hat.

Das prachtvolle Eingangsgebäude, 1900 erbaut, gibt es nicht mehr. Nach der Reichspogromnacht, am 10. November 1938, wird es – wie alle Synagogen – von Nazischergen gesprengt, der dort lebende Friedhofsaufseher und seine Familie 1942 ermordet.

Viele Grabsteine sind steinerne Zeugnisse der Stadtgeschichte und zeigen, welch große Rolle die Juden in Mannheim gespielt haben. Seit 1660, nach einer Konzession durch Kurfürst Karl Ludwig, ist eine Jüdische Gemeinde belegt. Ob unter Kurfürst Carl Theodor, der bis 1778 hier regierte, oder später im Großherzogtum – Juden stellen als angesehene Kaufleute, Bankiers, Juristen und Ärzte einen wichtigen, auch sehr engagierten Teil der Stadtgesellschaft dar. Bis zur Verfolgung durch die Nationalsozialisten zählt die Gemeinde über 6000 Mitglieder. Sie verfügt über mehrere Synagogen in der Innenstadt und eine in Feudenheim, über ein Waisenhaus, ein Krankenhaus und ein Altenheim.

Über 2300 Menschen ermordet

Und Mannheim hat vielen Juden sehr viel zu verdanken. Das zeigt etwa das Monument des Ehepaars Julius (1841-1895) und Henriette (1847-1901) Aberle. Ihre Stiftung schafft 1907 den Grundstock für den Bau der Kunsthalle. Ebenso ruht hier Bernhard Herschel (1837-1905). Der Teilhaber eines Tabakimporthauses, Mitglied der Theaterkommission (die zeitweise anstelle eines Intendanten besteht), ist Stifter des 1920 eröffneten Hallenbads in U 3.

Die Familie Lenel stellt in drei Generationen den Präsidenten der Industrie- und Handelskammer. Viktor Lenel (1844-1917) ist Mitgründer der durch die „Schildkröt“-Puppen berühmten „Rheinischen Hartgummi-Waaren-Fabrik“, die Bankiersfamilie Ladenburg an der BASF-Gründung beteiligt. Von Rechtsanwalt Max Hachenburg (1860-1951), Vorstand des Deutschen Anwaltsvereins, stammt der lange maßgebliche Kommentar zum deutschen Handelsgesetzbuch.

Nur ein schmaler Streifen an der westlichen Mauer mit einfachen Kissensteinen erinnert an die Opfer der Shoa. Dazu kommt im Eingangsbereich die Stele, gewidmet „Denen die kein Grab fanden“. Es sind mehr als 2300, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden – viele davon im Lager Gurs in den Pyrenäen, wohin im Oktober 1940 viele pfälzische und badische Juden deportiert worden sind. Ihre Namen findet man auf dem gläsernen Kubus von Künstler Jochen Kitzbihler eingraviert, der seit 2003 in den Planken vor dem Quadrat P 2 steht – ganz bewusst mitten auf der Haupteinkaufsstraße.

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