Mannheim

Nachruf 30-jährige Mannheimerin Tamara Prinz erliegt schwerem Krebsleiden / Aufklärerin und Aktivistin / Chemotherapien und Bestrahlungen ohne Erfolg

Mutmacherin bis zum letzten Tag

Archivartikel

Mannheim.Es ist der 22. September, an dem Tamara Prinz’ Herz aufhört zu schlagen. Zweieinhalb Jahre hat sich die tapfere Mannheimerin bis dahin mit aller Macht gegen den Krebs zur Wehr gesetzt – bis selbst bei der unverbesserlichen Powerfrau die Kräfte schwanden. Mit ihrem Kampf hatte sie stets all denjenigen Mut und Hoffnung zugesprochen, die in Sorge um sie gewesen waren.

Schon früh musste sich Tamara Prinz entschlossen gegen Widrigkeiten des Lebens stellen. Denn so friedlich und behütet sie ihre Jugend im heimischen Bammental erlebt: Nach Abitur, Lehramtsstudium und Auslandsaufenthalt erkrankt die damals 20-Jährige unvermittelt an chronischem Rheuma, erlebt ein erstes Mal, was es bedeutet, wenn der Körper den Geist machtlos macht – und kämpft sich mühsam aus dem Rollstuhl zurück in ihr sportives, geselliges Leben. Bis 2014 mit dem unerwarteten Tod ihres Vaters, ihrem Helden, der nächste Schicksalsschlag die junge Frau aus der Bahn wirft. Es sind Erlebnisse, aus denen Tamara Prinz als Kämpferin hervorgeht.

Das ändert sich selbst dann nicht, als Prinz im April 2017 die niederschmetternde Diagnose Triple-negativer Brustkrebs (TNBK) ereilt. Über ein Jahr hinweg hatten Gynäkologen die von Tamara Prinz selbst ertastete Wucherung für eine Zyste gehalten. Fortan ist klar: Die lebenslustige Mannheimerin muss sich gegen den aggressivsten möglichen Tumor behaupten, der vor allem durch seine extrem hohe Teilungsrate so gefährlich ist.

Sofort bricht Tamara Prinz ihr Duales Verwaltungsstudium in Heppenheim ab, unterzieht sich in den folgenden Wochen und Monaten insgesamt 26 Chemotherapien, 32 Bestrahlungen und zahllosen Ernährungsumstellungen. Bis sich knapp eineinhalb Jahre später bei einer Routinekontrolle unmittelbar vor einer Fernreise nach Asien zeigt: Der Tumor hat in Leber, Lungen und Knochen gestreut. Ein Tiefpunkt, aus dem Tamara Prinz die Flucht nach vorn antritt.

Denn zum einen avanciert die mutige Mannheimerin zwischen der Lektüre von Fachliteratur und dem Besuch mehrerer Ärztekongresse zur Expertin in eigener Sache. Zum anderen wird sie mit ihrem eigenen Instagram-Blog im Internet auch zur Aktivistin, die über Therapien aufklärt, ihr Leben mit dem Krebs schonungslos schildert, aber auch Rückfragen von Hunderten Betroffenen beantwortet und gerade bei jungen Frauen immer wieder motivierend für den Sinn von Vorsorgeuntersuchungen wirbt. Doch auch für Tamara Prinz selbst werden in Rekordzeit zahllose Unterstützer aktiv. Als klar ist, dass die klassischen Therapien nicht anschlagen, initiieren die engsten Freunde binnen weniger Tage unter dem Motto „Time for Tami“ („Zeit für Tami“) eine Crowdfunding-Kampagne, um eine innovative Immuntherapie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg zu finanzieren. Die wird aufgrund ihres speziellen Ansatzes nicht von den Krankenkassen getragen. Mehrere tausend Nutzer, darunter auch Bars und Haarsalons, beteiligen sich mit Spenden, selbst Prominente wie Moderatorin Silvie Meis teilen den Aufruf auf Facebook – am Ende kommen fast 100 000 Euro für Tamara Prinz zusammen.

Abschied im Klinikbett

Doch ausgegeben werden kann die riesige Summe nur in Teilen. Zwar sind insgesamt mehr als ein Dutzend Gaben der mit 8000 Euro extrem teuren Immuntherapie finanziert. Aber spätestens im August ist klar, dass auch diese Therapie die Ausbreitung der Metastasen nicht stoppen kann – und Tamara Prinz’ Lebensuhr allmählich abläuft. Noch im April sagt die bestens aufgelegte 30-Jährige im „MM“-Gespräch am Neckarauer Strandbad: „Es geht um Lebenszeit. Für mich, aber auch für so viele andere Frauen, denen ich mein Schicksal ersparen will.“ Bis zum Ende glaubt sie an ihre Heilung, erfüllt sich mit Reisen nach Ibiza und Griechenland aber auch konsequent letzte Wünsche.

„Sie hat so unglaublich intensiv gelebt. Jeder Tag wurde ausgekostet, als wenn es der letzte wäre“, wie es Christin „Kiki“ Holschuh sagt. Mehr als zehn Jahre hat sie Tamara Prinz als beste Freundin durch alle Leiden begleitet und zeigt sich „tief dankbar“, dass sie einem Menschen nah sein durfte, der selbst in der eigenen Not für andere Trost und Halt bot. Bis sich in Prinz’ Körper, durch den Krebs ausgezehrt, Wasser in Lungen und Beinen ansammelte, die Organe langsam versagten und Christin Holschuh begriff, dass sie loslassen muss. Es habe Tamara Prinz das Herz gebrochen, nicht zu Hause bei ihren geliebten Katzen, sondern auf der Palliativstation der Heidelberger St. Vincenz-Klinik sterben zu müssen. „Aber es war an der Zeit, und sie konnte auch nicht mehr“, sagt Christin Holschuh. „Ich bin eigentlich kein spiritueller Typ, aber als sie mir sagte, dass sie nicht fort, sondern nur einen Schritt voraus ist und wir uns eines Tages wiedersehen werden, habe ich zum ersten Mal daran geglaubt.“

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