Mannheim

Zeitzeugin Irmgard Helmstädter erlebt letzte Vorstellung im Nationaltheater in B 3 als wunderbares Ereignis, bald danach geht ihre Welt unter

Nach dem „Freischütz“ geben Bomben den Ton an

Archivartikel

Mit 89 Jahren bewegt sich das Leben von Irmgard Helmstädter in ruhigen Bahnen, der Tod ihres Mannes Ernst Helmstädter im Januar hat sie herabgestimmt auf die leisen Töne, sie wohnt nun wohl betreut und gern besucht von ihren drei Kindern, vier Enkeln, und einer wachsenden Schar Urenkeln im Seniorenstift in Münster. Doch geht es um die Vergangenheit, sind ihre Antennen noch ganz auf Empfang gestellt, kommt die Musik voll zum Klingen, nicht nur die wunderbaren Melodien. Auch die Kakophonien des Krieges rollen sich wie ein fürchterlicher Klangteppich in ihrer Erinnerung aus.

Damals, als Irmgard noch Breiner heißt, wächst sie in der dörflichen Wohlbehütetheit von Friedrichsfeld auf, fern vom lauten NS-Klamauk. Mit ihrer Mutter hört das theaterbegeisterte Jungmädel sonntags am Volksempfänger das Wunschkonzert mit Heinz Goedecke. Bei „Heimat Deine Sterne“ oder „Wenn abends die Heide träumt“ schlagen die Herzen höher. Bis dann keine Sterne, sondern die Flotten der Royal Air Force am Himmel aufziehen.

Das Rein-in-den-Trainungsanzug, die verhasste Gasmaske packen und runter in den Luftschutzkeller gerät auch bei den Breiners zur Routine. Aber am letzten Rest Lebensfreude und Kulturerhebung hält man eisern fest. Und so jauchzt denn die Luisenschülerin im Sommer 1943 einer großen Premiere entgegen: Sie geht ganz allein zum Telefonhäuschen und bestellt zum Auftakt der Spielzeit Karten für die Aufführung „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Am Sonntag, 5. September 1943, ist es soweit, Mutter und Tochter steigen in den Zug nach Mannheim. Jetzt bloß kein Fliegeralarm, hoffen die beiden. Alles bleibt ruhig. Um 17 Uhr hebt sich der Vorhang, Irmgard erlebt im prächtigen Haus ihre erste Oper. Ungestört. Von einem Voralarm zwischen 18.34 und 19.06 Uhr erfährt das Publikum erst später, ganz hingerissern ist man von den Sängern Käthe Dietrich, Hildegard Stolz, Heinrich Hölzlin.

Nach zweieinhalb Stunden Hochgenuss haben die Breiners noch Zeit bis zur Heimfahrt, spazieren den Ring entlang und stimmen die Melodien an. „Leise, leise, fromme Weise“ - das hebt das Gemüt auf zum Sternenkreise, auch wenn man mit einem Auge immer guckt, wo ein Luftschutzbunker in der Nähe ist, für den Ernstfall.

Alles bleibt friedlich, doch in dem Augenblick, als die Mutter um 23.22 Uhr den Schlüssel in der Haustür umdreht, heulen die Sirenen auf. Gar nicht so schlimm, sie sind ja noch angezogen, also runter in den Luftschutzkeller. Dort erlebt man das dumpfe Dröhnen, die Erschütterungen, als lade der Teufel Samiel eine fürchterliche Fracht ab. Um 2.16 Uhr gibt es Entwarnung. Die Friedrichfelder kriechen nach oben, das Dorf blieb verschont, doch in der Ferne brennt der Himmel über Mannheim, Rauch und Qualm ziehen übers Land, eine apokalyptische Kulisse.

Nichts ist mehr wie vorher, erst Tage später ist es überhaupt möglich, in die Stadt zu kommen. Alt-Mannheim, auch das Nationaltheater in B 3 liegt in Schutt und Asche, der vom Denkmal-Sockel gestürzte Schiller am Boden.

Irmgard Helmstädter hat ihr Erlebtes in Büchern aufgeschrieben, auch den Kriegshorror, die bis heute nichts von seinem Schrecken verloren hat. Am 9. Juli 1944 gegen Mittag steht ein Schulfreund der Mutter vor der Tür, Eisenbahner wie Vater Breiner. „Was gibt’s?“ fragt sie ihn. Ich habe eine Nachricht von Fritz,“ sagt er. „Was ist mit ihm?“ - „Er ist tot“. An diesem Tag bricht ihr die Kindheit weg.

Doch es werden auch viele glückliche Seiten im Lebensbuch beschrieben: 1951 heiratet die 22-jährige Irmgard ihren fünf Jahre älteren Ernst, Friedrichsfelder Gärtnersohn, kriegsgebeutelt aber dennoch mit großen Schritten vorwärtsschreitend auf einer akademischen Laufbahn, 67 Jahre gehen sie im Gleichschritt. Er fehlt ihr jetzt. 

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