Mannheim

Amtsgericht 45-Jähriger schleudert nach einer Niederlage des SV Waldhof einen Stehtisch auf Beamte / 20 Monate Haft auf Bewährung

Nach Fußballspiel Polizisten verletzt

Als für Markus R. nach vier Stunden, 14 Minuten und 22 Sekunden am Mannheimer Amtsgericht alles vorbei ist, huscht dem 45-Jährigen doch noch ein Lächeln über das Gesicht. Da mögen die 20 Monate Haft auf Bewährung noch so schmerzen: Dass die Richterin dem Verurteilten auch im Fall eines Aufstiegs den Besuch von Spielen des SV Waldhof Mannheim untersagt, kann der hoch gewachsene Mann mimisch nicht regungslos lassen.

Dabei war es die Leidenschaft für eben jenen Verein, der dem Gas- und Wasserinstallateur vor gut zehn Monaten die Sicherungen durchbrennen ließ. Es ist der 27. Mai 2018, als Chaoten auf der Ost-Tribüne des Carl-Benz-Stadions nicht nur für den Spielabbruch der Relegations-Partie gegen den KFC Uerdingen sorgen, sondern die triumphierenden Uerdinger Fans auch gewaltsam an der Abreise hindern wollen. Die Polizei, die beide Fan-Lager trennen will, wird wüst beleidigt, mit Bier begossen und Flaschen beworfen. Die Emotionen kochen über. Markus R., darauf legt seine Verteidigerin Annabelle Voßberg in ihrer verlesenen Erklärung Wert, sei keiner dieser Chaoten – und sein Verhalten an diesem Tag eine „absolute Ausnahme“.

Stark alkoholisiert

Voßberg zeichnet das Bild eines sozial engagierten Familienvaters, der seinen Verein seit 1981 unterstützte, um an diesem wichtigen Tag entscheidend die Kontrolle über sein eigenes Handeln zu verlieren. Mit zwei Freunden trinkt der Mann aus Maudach bereits auf dem Weg nach Mannheim zwei Flaschen Riesling –im Verlauf der kommenden acht Stunden folgen insgesamt rund sechs Liter Bier. „Es ging um alles“, sagt R., der sich den angetrunkenen Mut selbst nicht recht erklären kann und unumwunden einräumt: „Ich war ziemlich stark alkoholisiert.“

Auch später, als für dutzende Waldhof-Fans aus der Enttäuschung Trauer und schließlich Wut wurde, steht Markus R. mit einigen Freunden noch vor dem Soccercenter in der Theodor-Heuss-Anlage und ist laut Gerichtsmedizin mit rund drei Promille im Blut noch deutlich berauscht, aber genug bei Sinnen, um einen Randalierer zurückzuhalten und selbst einen verletzten Kumpel zu versorgen.

Bis ein Beamter der Göppinger Polizei den Angeklagten aus Ludwigshafen mit einem Schlagstock am Knie trifft, die Einsatztruppe die Fans ins Soccercenter drängt – und sich Markus R. nicht mehr anders zu helfen weiß, einen weißen Stehtisch packt und ihn auf die Beamten wirft. Heute kann sich der hoch gewachsene Mann „nicht mehr erinnern, was ihn geritten habe“, den rund zehn Kilogramm schweren und im Durchmesser 80 Zentimeter langen Tisch „irgendwie nach unten zu bugsieren“. Die Folgen jedenfalls waren fatal.

Angeklagter zeigt Reue

Drei Polizisten, die den Tisch laut Aussagen alle nicht hatten kommen sehen, erleiden zum Teil schwere Gehirnerschütterungen, Schäden an der Halswirbelsäule und am Knie –und sie hätten bei dem Angriff ebenso gut sterben können. Als Rechtsmedizinerin Barbara Stöttner darlegt, dass auf die Schädel der Polizeibeamten bei der Wurfhöhe vom oberen Treppenabsatz kurzzeitig Kräfte von zumindest 2,2 Tonnen gewirkt haben müssen, vergräbt der stramm gebaute Angeklagte das Gesicht in seinen Händen.

Als die Videobänder der Tat zur Beweiswürdigung wieder und wieder studiert werden, kann der sichtlich mitgenommene 45-Jährige nicht mehr an sich halten. „Ich war mit der Situation total überfordert“, gibt der Angeklagte zu Protokoll, der aus seiner Reue kein Geheimnis macht, psychotherapeutisch behandelt wird und auch den Schritt der Entschuldigung sucht.

Dass das Urteil wegen besonders schweren Landfriedensbruch, Widerstand sowie dreifachem tätlichen Angriff gegen Vollstreckungsbeamte zum Schluss noch unter den von der Staatsanwaltschaft beantragten zwei Jahren bleibt, verdankt Markus R. seiner positiven Sozialprognose nicht weniger, als der bisherigen Straffreiheit. Doch während die Bewährungsstrafe für R. und seine junge Familie einen gemeinsamen Blick in die Zukunft bedeutet, schütteln die Polizeibeamten nach der Verhandlung nur die Köpfe.