Mannheim

Porträt Polizeidirektor Jürgen Dörr geht in Ruhestand / Rückblick auf die Jahre im Streifendienst, den Terrorismus und Tätigkeit für die UN im Kosovo

Nächster Großeinsatz ist der Enkel

Archivartikel

Er war etwas Besonderes, eine Ausnahmeerscheinung in der Führungsetage des Polizeipräsidiums: Jürgen Dörr. Kaum einer der leitenden Beamten, außer dem früheren Präsidenten Thomas Köber, war derart lange in Mannheim im Dienst, hier tief verwurzelt, eng vernetzt und über lange Zeit hinweg häufig als beliebter Repräsentant in Uniform präsent wie Dörr. Jetzt ist der Polizeidirektor, zuletzt im Führungs- und Einsatzstab tätig, in den Ruhestand verabschiedet worden.

Der gebürtige Hesse erblickte 1958 in Frankfurt das Licht der Welt. Aber 1969 kam er mit den Eltern nach Mannheim. Sie führten in Wallstadt das Lokal „Traube“, und hier wuchs Dörr auf. „Damals war es als Jugendlicher üblich, dass man in Vereine ging“, sagt er rückblickend. Also machte er im „Sängerkreis“ mit, wurde aktiv beim Jugendrotkreuz und bei der Freiwilligen Feuerwehr Wallstadt, tat noch auf der Alten Feuerwache ehrenamtlich Dienst.

Bei Hubschrauberunglück dabei

Doch als er nach der Mittleren Reife, absolviert an der Realschule Feudenheim, 1974 zur Polizei ging, musste er die Feuerwehruniform ausziehen – das war damals so üblich. Nach der Ausbildung war der Streifendienst im Revier Neckarstadt seine erste Station. „Eigentlich meine schönste Zeit“, sagt er heute. Spannend sei es gewesen, Soziale Probleme rund um die „Jolly-Blocks“, der Straßenstrich an der „Bratröhre“, die Lupinenstraße – ständig habe es Einsätze gegeben, zudem viele Unfälle: „Wir hatten ja früher 70 Verkehrstote im Jahr.“

Zudem war es die Hochphase des Linksterrorismus, die ständigen Attentate der „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF). Ob die Anschläge auf Generalbundesanwalt Buback, Bankier Ponto, Arbeitgeberpräsident Schleyer – „immer war ich im Dienst, immer mussten wir raus, stundenlang bei Ringalarmfahndungen stehen“ –mit der Maschinenpistole im Anschlag, erinnert sich Dörr. Beim missglückten Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe stellte sich sogar heraus, das das Auto, mit dem die Terroristen den Raketenwerfer transportieren, auf einen Mann aus dem Herzogenried zugelassen war. Dörr musste das prüfen – der Mann hatte das Auto aber zuvor verkauft. „Es waren nervenaufreibende Zeiten“, so Dörr.

Als schlimmstes Erlebnis hat sich ihm aber das Jahr 1982, als bei einem Hubschrauberabsturz auf die Autobahn beim Flugplatz 46 Menschen starben, eingeprägt: „Das ist etwas, was man nie vergißt!“ Die Eltern der getöteten Fallschirmspringer hätten reden wollen, die Geschehnisse nicht erfassen können. Und für die eingesetzten Polizeibeamten gab es danach keine psychologische Betreuung – nichts. „Das ist heute zum Glück ganz anders“, betont er.

Nach dem Jugoslawien-Krieg 1999 gewann Hartmut Lewitzki, auch aus Mannheim stammend und damals Inspekteur der Polizei Baden-Württemberg, Dörr (als einzigen der leitenden Beamten des Präsidiums) für einen Auslandseinsatz. 2000 bis 2003 war er für die Vereinten Nationen im Kosovo tätig, fungierte als Polizeichef eines Landkreises und half dort, moderne, demokratische Polizeistrukturen aufzubauen. 40 000 Polizeibeamte aus 30 Nationen waren damals im Kosovo präsent, „vom Verkehrsunfall über den Mord bis zur Demonstration – wir haben alles bearbeitet“, so Dörr. Gerade die Zusammenarbeit mit verschiedenen Nationalitäten sei herausfordernd gewesen. „Da gab es Kollegen, die waren ganz hervorragend ausgebildet, und halt auch andere“, so Dörr: „Es waren mit meine interessantesten Jahre!“

Ab 2005 kehrte er ins Mannheimer Präsidium zurück. Zunächst war er Chef aller Reviere, dann rückte er in den Führungsstab auf. Nun will er „mehr Freizeit genießen, mehr Sport machen und Großvaterpflichten übernehmen“. Seine Tochter, CDU-Stadträtin Katharina Funck, kommt gerne und oft mit Leonhardt (fast 2) bei Dörr in Feudenheim vorbei. Auch der Polizeidirektor ist schon seit 1978 in der CDU aktiv. Er kandidierte im Mai bei der Gemeinderatswahl auf Platz 46, schoss auf Platz 14 hoch – ein enormer Zugewinn. „Das war schon eine Wertschätzung für die Polizei insgesamt, aber auch für mich“, freut sich Dörr.

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