Mannheim

Integration Brigitte Bauder-Zutavern hört nach 44 Jahren im Schuldienst auf / Gespräch über Grenzen der Buchpädagogik und freiwillige Angebote am Nachmittag

Netzwerkerin zwischen Drama und Tafel

Brigitte Bauder-Zutavern weiß um die Probleme der Neckarstadt-West wie kaum ein anderer: Selbst im Problemviertel aufgewachsen, managt sie seit 1998 erfolgreich den Betrieb an der Grundschule – eine tägliche Gratwanderung zwischen Drama und Tafel. Nun hört die lebensfrohe, emsige Rektorin nach 44 Jahren Schuldienst auf.

An diesem Tag herrscht Ausnahmezustand. Im Schulhof toben die Kinder. Es ist Schulfest – ein Feier-Tag mit Kollegen, Eltern und Partnern. Viele sind gekommen. „Wir haben hier einen tollen Zusammenhalt und bereichernde Beziehungen“, sagt die 67-Jährige, die sich selbst als Netzwerkerin bezeichnet. Täglich etwas Neues, etwas Anderes – da brauche es starke Nerven und viele Kontakte, um Antworten auf Unerwartetes zu geben. „Wir haben deshalb einen Markt der Möglichkeiten geschaffen“, sagt Bauder-Zutavern wohlwissend: „Was in der Welt passiert, kriegen wir hier ab.“

Großes Spannungsfeld

Fast alle der 350 Schüler haben mittlerweile Migrationshintergrund (mit den unterschiedlichsten Wurzeln), 15 Prozent der Kinder einen sonderpädagogischen Anspruch. „Was bei den einen normal ist, ist bei den anderen ein Tabu“, sagt die Rektorin. Das Spannungsfeld ist riesig. „Jeder kommt mit einem anderen Drama von Zuhause.“ Wichtig sei da, Regeln für den Umgang zu vermitteln. Und schulische Demokratie ist für die Rektorin ein zentraler Baustein, damit das Miteinander funktioniert. „Wir loben, kritisieren, schlagen vor“, so Bauder-Zutavern. Seit 2003 gibt es vielfältige Möglichkeiten, mitzureden und mitzuentscheiden: Vollversammlungen, Klassenrat, Kinderkonferenz. Konflikte im Schulhof werden von Streitschlichtern im Friedenszimmer aufgearbeitet. Dafür hat die Schule den Preis für demokratische Schulentwicklung der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik erhalten.

Aber auch die Lehrer brauchen Ermutigung: „Wir hören, überlegen, begleiten“, sieht sich die Rektorin in der Pflicht, Zusammenhalt und Vertrauen zu schaffen. Denn: „Wir müssen aufeinander aufpassen und solidarisch sein.“ Wie wichtig das ist, hat Bauder-Zutavern 2012 erfahren, als die Schule angesichts der anhaltenden Zuwanderung aus Osteuropa an ihre Grenzen stieß. Viele Neuankömmlinge konnten weder lesen noch schreiben, manche nicht mal Stifte halten. Normaler Unterricht war kaum mehr möglich.

Seither wurden weitere Fördermöglichkeiten geschaffen. Es gibt einen besonderen Hort, familienorientierte Schülerhilfe, Schülermentoren der Marie-Curie-Realschule, Elternarbeit. Neben Hausaufgabenhilfe, Lese-, Spiel- und Bastelangeboten nach dem Unterricht bereiten Mütter einen Mittagstisch an drei Tagen in der Woche zu. Partner sind unter anderem das Interkulturelle Bildungszentrum IKUBIZ und die Freudenberg Stiftung, die Stadt mit dem Mannheimer Unterstützungssystem Schule (MAUS) oder die Arbeitsgemeinschaft zur Förderung von Kindern und Jugendlichen.

Aus all den Angeboten hat Brigitte Bauder-Zutavern ein einzigartiges „fakultatives Ganztagsangebot“ geschaffen, weil sie weiß: Mit reiner Buchpädagogik im Klassenzimmer ist es nicht getan. Und weil viele der benachteiligten Kinder aus der Neckarstadt-West kaum rauskommen in die Welt, „müssen wir die Welt eben in die Schule reinholen“.

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