Mannheim

Musik „Pulse Project“ im Jazzclub Ella & Louis / Östliche und westliche Stile verschmelzen

Neue Weltmusik zwingt Zuhörer zum Staunen

Archivartikel

Sie sind die Gewinner des vierten Newcomer-Wettbewerbs „Jazz Im Quadrat – Hautnah“ des „Mannheimer Morgen“ – und wer im Jazzclub Ella & Louis ihrem Konzert zuhört, kann sein Erstaunen kaum unterdrücken. Die Geschichte der Band „The Pulse Project“, die Kulturredakteur Georg Spindler in einem kurzen Einführungsinterview den Musikern, E-Oudspieler Hesham Hamra und Schlagzeuger Santino Scavelli, entlockt, ist an sich schon fast zum Kopfschütteln. Neben Hamra, kommt auch sein Kollege, der inzwischen in Berlin studierende Klarinettist Yazan Alsabbagh, als syrischer Flüchtling vor wenigen Jahren hier an. Im Laufe eines Musikstudiums an verschiedenen Hochschulen treffen sie ihre anderen Kollegen in der Popakademie und formieren sich zu einer Band, deren Musik kein stilistisches Vorbild hat.

„So etwas haben wir noch nie gehört“ und „Wie man so verschiedene Musikkulturen verbinden kann, ist unglaublich“ staunen zwei Tischnachbarinnen über die Musik. Die Damen haben Recht. Hier treten neben den beiden syrischen Künstlern und ihrem italienischstämmigen Rhythmiker auch die hiesigen Kollegen, Julius Imhäuser und Andre Haaf an Gitarre und Tasten, sowie der E-Bassist Simon Zauels auf und komplettieren dieses Weltmusik-Sextett.

Eigentlich könnte man glauben, hier gäbe es mehr Trennendes als Verbindendes. Orientalische Musik kennt beispielsweise kleinere Tonabstände als Musik hierzulande und ihr spielerischer Umgang mit der Taktmetrik dürfte – neben den sprachlichen Differenzen – die Proben des „Pulse Project“ auch nicht gerade erleichtert haben. Doch schließlich ist der Wille zum gemeinsamen Musizieren stärker als alle anderen Aspekte. „Über die Zeit sind wir eine Familie geworden“ antwortet Hamra im Anfangsgespräch.

Neue Varianten entdecken

Über die einzelnen Kompositionen erfährt der Zuhörer nicht viel. Nur, dass sie bis auf ein Traditional – einer butterzart beginnenden Ballade aus Armenien – meist aus der Feder von Alsabbagh stammen. Hier beginnt das Projekt richtig spannend zu werden. Die musikalische Tradition, auf der jeder der sechs Künstler seine persönliche Interpretation der Stücke aufbaut, muss hier etwas in den Hintergrund treten, um eine musikalische Emulsion zu schaffen, die noch homogen klingt. Gleichzeitig werden aber weder die westlichen noch die orientalischen Wurzeln vollständig gekappt. So finden sich in ihren Stücken ausgeprägte Rock-, Jazz-, Fusion-, Reggae- und Latinelemente wieder und schaffen so einen Gesamtklang, der in der Instrumentierung mit Oud und Klarinette wirklich neu ist.

In dem Sextett gibt niemand seine Vorlieben oder Hörerfahrung auf, sondern entdeckt neue Varianten von Weltmusik. Hier trifft die orientalische Tonverzierung und Metrik auf westliche Polyphonie und Rhythmik. Dass bei den musikalischen Ansprüchen eine exzellente Spieltechnik, gekoppelt mit einer hohen Auffassungsgabe zur Voraussetzung zählt, versteht sich von selbst. Es sind vor allem Schlagzeug, Bass und Rhythmusgitarre gefordert, die Taktwechsel, die nicht selten innerhalb eines Stückes bestehen, präzise auszuführen. Besonders Drummer Scavelli wirkt souverän und ohne Unsicherheiten.

So können die Solisten Alsabbagh und Hamra die Zuhörer mit ihren durch und durch virtuosen-, teils extrem flink gespielten Improvisationen, immer wieder zum Staunen bringen. Wie in einem Uhrwerk mit seinen vielen kleinen Komponenten spielen die einzelnen Instrumente ihren jeweiligen Part und schaffen so einen ost-westlichen Gesamtklang, bei dem sich die eine oder der andere fragen muss, wieso man nicht bereits viel früher auf solche musikalischen Kooperationen gekommen ist. Das „Pulse Project“ macht vor, wie es geht. Herausragend!

Info: Fotostrecke und Video unter morgenweb.de/mannheim

Zum Thema