Mannheim

Neuer Job: Weltverbesserer

Archivartikel

Ein 94-jähriger ehemaliger KZ-Häftling, der die grausamsten Dinge erlebt hat, geht immer noch in die Schulen. Wohlbemerkt mit 94 Jahren. Er erzählt den Kindern und Jugendlichen hautnah und authentisch von seinen schrecklichen Erlebnissen in der Zeit während seiner Gefangenschaft unter den Nazis. Er ist für mich ein großes Vorbild, weil er nicht müde wird, daran zu erinnern, dass so etwas wie damals niemals mehr geschehen darf. Er hat seine Berufung gefunden. Sein Charisma ist es, zu erzählen und nachdenklich zu machen.

Ellen geht einmal die Woche auf die Station mit den unheilbar Kranken im Hospiz. Sie liest vor, hört zu, erledigt schon auch mal kleinere Einkäufe und erfüllt den ein oder anderen Wunsch von Menschen, die bald sterben werden. Ellen macht das gerne. Sie hat jahrelang ihren Mann gepflegt, aufopferungsvoll. Den Sterbeprozess hat sie hautnah miterlebt und ihrem Mann einen guten Abschied ermöglicht. Das möchte sie nun auch anderen Menschen ermöglichen. Sie hat ihre Berufung gefunden. Ihr Charisma ist es, anderen Menschen bis zu ihrer Sterbestunde noch beizustehen und ihnen etwas Gutes zu tun.

Stefanie arbeitet nun schon die zweite Doppelschicht im Städtischen Krankenhaus. Mit Kaffee und kleinen Ruhepausen hält sie sich über Wasser. Sie ist Ärztin und hat natürlich schon früh gewusst, wie eng die Personalsituation in den Krankenhäusern ist. Dennoch hat sie sich für diesen Beruf entschieden. Sie wusste eigentlich schon immer: Das ist mein Ding. Ihr Charisma ist es, anderen Menschen medizinisch zu helfen, zu heilen oder Schmerzen zu lindern.

Jeder hat Begabungen

Die drei beschriebenen Personen haben eines gemeinsam: Sie haben ihre Berufung gefunden und tragen auf ihre Weise dazu bei, die Welt ein bisschen freundlicher und angenehmer zu machen. Manche wissen darum schon sehr früh in ihrem Leben, bei manchen entwickelt es sich im Laufe ihres Lebens, auch gefüttert durch Erlebnisse und Lebenserfahrungen.

Für mich ist das ein gutes „Modell der Weltverbesserung“, denn dazu kann jede und jeder seinen Beitrag leisten. Ich kann mich selber fragen: Was kann ich gut und wie kann ich das zur Verfügung stellen? Nebenbei kann es mir selbst Erfüllung schenken. Engagement macht glücklicher und zufriedener, das ist längst erforscht und bewiesen. Es holt mich aus der Nörgelspirale heraus – was es doch alles immer so zu beklagen gibt… Das ist genau der richtige Weg, denn jede und jeder ist Teil des Großen Ganzen, auch Schöpfung genannt. Gott hat mich beschenkt mit Begabungen und Fähigkeiten. Es gibt keinen Menschen, der nicht etwas Besonderes kann. In seinem Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt Paulus: „Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.“ Heißt: Ich habe alles, was ich brauche. Und das Gute ist: Dazu brauche ich noch nicht mal religiös oder fromm sein. Es ist eine neue Positivausrichtung. Überzeugt? Dann gilt es jetzt, auf Entdeckungsreise zu gehen. Welche sind meine Begabungen? Wie kann ich andere Anteil haben lassen? Ganz nebenbei erfahre ich noch einiges über mich selbst. Wenn ich meine eigene Persönlichkeit weiterentwickele, ist das kein Schaden. Sie dient mir selbst und der Allgemeinheit. Mein neuer Job: Weltverbesserer!

Andreas Korol, Diakon in der Heidelberg Stadtkirche

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