Mannheim

Gesellschaft Im Umgang ist die Angst oft größer als die Solidarität

Neues Stigma: Coronavirus

Archivartikel

An der Eingangstür zum Supermarkt hängt ein Schild, das darum bittet, „mindestens 1,5 Meter Abstand“ zu halten. Vor der Kasse dann erkundigt sich ein Kunde mit Blick auf rot-weiße Klebestreifen auf dem Boden: „Wo soll ich denn nun warten?“ Da blafft eine andere Kundin: „Jetzt stellen sie sich nicht dümmer an, als sie sind.“ Ein anderer Supermarkt: Die Kassiererin bittet einen Kunden, mehr Abstand zu halten, der weigert sich, die Frau wird lauter, der Mann bleibt hartnäckig stehen, bis die Kassiererin aufsteht und ruft: „Wenn Sie sich jetzt nicht an die Abstandsregeln halten, gehe ich nach Hause.“

Infektionsketten durchbrechen

Die Nerven liegen blank und das nicht nur im Supermarkt. Zu spüren bekommen das auch zunehmend diejenigen, die das neuartige Virus getroffen hat. Sind Krankheiten unter normalen Umständen Privatsache, ist jetzt das Gegenteil gefragt: absolute Offenheit. „Positiv“, wer diese Diagnose nach einem Test auf Sars-CoV-2 erhält, muss das im besten Fall allen mitteilen, mit denen er zuletzt Kontakt hatte. Ziel: Infektionsketten durchbrechen. So ist es auch einer jungen Mannheimerin ergangen, die eigentlich in London studiert; ihren Namen möchte sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Es ist Mittwochmittag, als sie das Ergebnis erhält: Der Grund für ihr hohes Fieber ist tatsächlich Corona.

Wo sie sich angesteckt hat – sie weiß es nicht. Die britische Regierung hatte lange Zeit nur zögerlich Maßnahmen im Kampf gegen die Epidemie ergriffen; vor einer Woche dann kehren die meisten ausländischen Studierenden in ihre Heimat zurück, auch die 21-Jährige. Nachdem sie das Testergebnis erfahren hat, ruft sie Freunde und Bekannte an, die allermeisten reagieren mitfühlend, sie selbst aber habe sich schlecht gefühlt. „Ich wusste, dass ich damit viele in eine Situation versetze, in der sie umständliche Dinge tun müssen.“ Eine Freundin etwa befindet sich seitdem in Hausquarantäne, ihre Eltern sind Ärzte, sie müssen arbeiten gehen und stellen der Tochter das Essen vor die Tür. „Ich habe Corona“ – ein Satz mit Folgen. Diese Erfahrung musste auch ein anderer Mannheimer machen, auch er möchte anonym bleiben. Er war Skifahren in Tirol in Österreich, da stand das Land noch gar nicht auf der Liste der Risikogebiete. Wenige Tage später fühlt er sich unwohl, ruft im Gesundheitsamt an, das beruhigt, ein Test sei nicht nötig. Kurz darauf gehört Tirol dann doch zu den gefährdeten Gebieten, er meldet sich wieder beim Gesundheitsamt, diesmal ist die Antwort: ja bitte, Test machen. Bald kommt das Ergebnis: positiv. Er benachrichtigt Freunde, Kollegen, seine Chefs. Die Nachricht wird durch alle Hierarchiestufen kommuniziert. Die Information verbreitet sich schnell, zieht immer weitere Kreise, plötzlich erreichen ihn E-Mails, zum Teil mit seinem Bild versehen, in denen heißt es: „Noch so ein Typ, der sorglos durch die Welt reist, obwohl es Warnungen gibt“.

Angst vor den Folgen

Die, die das schreiben, sind keine direkten Kollegen, aber sie gehören zur selben Firma. Dass ihn manche Mails überhaupt erreichen, ist ein Versehen, die Absender haben schlicht übersehen, dass sein Name mit im Verteiler steht. „Ich verspüre derzeit wenig Lust, den Leuten unter die Augen zu treten.“ Er fürchtet zudem, dass sein Name nun mit Folgeinfektionen im Unternehmen in Verbindung gebracht werden könnte – selbst wenn sich die Leute gar nicht in der Firma, sondern ganz woanders angesteckt haben.

Doch das wird am Ende niemand mehr sagen können. Dafür ist die Viruswelle längst zu groß geworden. Eine Freundin der jungen Mannheimerin aus London schreibt: „Mach dir keine Gedanken! Wer weiß, vielleicht hast du es auch von mir, und ich habe nur keine Symptome gezeigt.“

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