Mannheim

Neujahrsempfang der Stadt Mannheim 2019

Neujahrsansprache von OB Kurz: "Wir Mannheimer glauben an die Menschen und die Menschheit"

Archivartikel

Mannheim.Mehr als 1500 Mitwirkende aus rund 250 Gruppen, Vereinen, Unternehmen, Verbänden, Hochschulen und sonstige Einrichtungen tanzen, turnen, singen, spielen, musizieren oder informieren: Am heutigen Sonntag, 6. Januar, lädt die Stadt bei freiem Eintritt zum Neujahrsempfang in alle Räume des Rosengartens – ein ganztägiges Fest, von und für Bürger. 

Mitwirkende des Schauspielensembles des Nationaltheaters eröffneten den Festakt um 11 Uhr im voll besetzten Mozartsaal mit Auszügen aus dem Theaterstück „Findet uns das Glück?“ – zu Recht mit viel Applaus bedacht. „Glücksministerin“ Gina Schöler und Nachtbürgermeister Hendrik Meier, die die Veranstaltung moderierten, leiteten über zum großen Jahresrückblick, den das Rhein-Neckar-Fernsehen in einem spannenden Film aufbereitet hatte.

Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) verdeutlichte in seiner Neujahrsansprache, dass globale Ereignisse auch in Mannheim Auswirkungen haben können, beispielsweise beim Konflikt zwischen Türken und Kurden. Er sagte weiter, dass aber jeder dazu beitragen könne, „ob und wie wir Nachbarschaft erfahren“. Jeder bestimme, wie die spezifische Atmosphäre eine Stadt sei. Der Leitbildprozess „Mannheim 2030“ solle dabei helfen, „bessere Entscheidungen“ zu treffen. Kurz verwies darauf, dass isolierte Antworten auf Probleme nicht mehr ausreichend seien, das habe die Vergangenheit gezeigt. In den Kommunen erlebe man das schon lange. Kurz nannte die Neckarstadt-West und den Jungbusch als Beispiele und erläuterte, was die Stadt dort unternehme, um die Probleme zu lösen.

Peter Kurz unterbrach seine Rede für die Grußbotschaft der Untergeneralsekretärin der Vereinten Nationen, Maimunah Mohd Sharif. Sie bedankte sich in dem kurzen Einspielerfilm für den Einsatz der Bürger für den Leitbildprozess „Mannheim 2030“ und nannte ihn außergewöhnlich.

In seinem Rückblick streifte Kurz die vielen Projekte und Vorhaben, die Mannheim in den vergangenen Jahren angegangen ist. Beispiele sind die Konversionsprojekte Franklin oder Hammonds, die weiter existierende Herausforderung Kinderbetreuung oder das Sanierungsprogramm für die Schulen. Er verdeutlichte, dass Mannheim weiter konsequent die Profilierung als Start-up- und Gründerstadt vorantreibe. Das gelte auch für die Medizintechnologie und die Kreativwirtschaft. Kurz betonte aber auch die Bedeutung des Einzelhandels in der Stadt. Er sei Anlass für Begegnung, Quelle von Identität und habe eine wichtige soziale Funktion der Nahversorgung. Als Beispiele nannte Kurz nicht nur die Planken, sondern auch den Meeräckerplatz auf dem Lindenhof, den Schönauer Lena-Maurer-Platz, das Zentrum Käfertal und den Marktplatz Rheinau.

Ein großes Thema war auch die Qualität der Luft und Mannheims Rolle als bundesweite Modellstadt. „Nutzen Sie Bus und Bahn – selten konnten Sie Bundespolitik so einfach direkt beeinflussen.“

Über die Digitalisierung kam Peter Kurz zu der 2018 gestarteten Videoüberwachung. Er rechne damit, dass sie deutliche Erfolge erzielen werde. Der Oberbürgermeister wies darauf hin, dass Vertrauen in den Staat voraussetze, dass dieser erkennbar handlungsfähig sei. Dies sei 2018 bei der Bekämpfung des Problems mit kriminellen minderjährigen Ausländern gelungen. Kurz dankte allen Beteiligten, vor allem der Polizei, und versprach, dafür zu sorgen, dass man denjenigen mit allem Respekt begegne, die „helfen oder für uns die Regeln durchsetzen müssen“.

Über den Umweltschutz und den Umgang mit den Klimafolgen gelangte der Oberbürgermeister zur Sanierung des Nationaltheaters. Der Erhalt sei mehr als ein Bauprojekt. Das NTM stehe in herausragender Weise für die Kulturgeschichte der Stadt.

Kultur als Treiber von Stadtentwicklung, Begegnung und Orientierung sei ein wesentliches Merkmal der Stadt. Besonders sei dies bei der Wiedereröffnung der Kunsthalle sichtbar geworden. Ähnlich sei es bei der Eröffnung des Marchivum gewesen.

Kurz stellte die Frage, ob all diese lokalen positiven Entwicklungen unser Lebensgefühl bestimmen, und antwortete, dass die Antwort schwer falle. „Es hat sich eine Verunsicherung breit gemacht“, sagte er und nannte Beispiele: Klimawandel oder die Verfehlungen der Finanz- und Automobilwirtschaft. Es sei kein Wunder, dass wir in nervösen Zeiten leben. Nationalismus mit seiner absichtsvollen Verneinung einer multilateralen Politik der Verständigung sei nicht nur keine Anwort: „Er ist die Zuspitzung des Problems.“ Dafür erhielt der Oberbürgermeister einen langen Zwischenapplaus. Als Europäer sollte es uns, so Kurz, motivieren, die Europäische Union zu schützen und zu bewahren.

„Entgegen dem breiten Gerede brauchen wir nicht weniger Europa, sondern ein Europa, das den direkten Kontakt zur kommunalen Ebene und zu den Bürgern sucht und seinen demokratischen eigenen Institutionen mehr Respekt einräumt“, sagte Kurz. Er forderte die Menschen auf, am 26. Mai zu wählen. Kommunal- und Europawahl an einem Tag sei von großer Symbolik. Es werde entscheidend sein, dass Menschen in die Gremien gewählt werden, die die Institutionen achten und tatsächlich gestalten wollen.

Kurz zitierte den ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomáš Masaryk. Er sagte, Demokratie sei eine Lebenshaltung. Sie erfordere den Glauben an die Menschen und die Menschheit. Der Oberbürgermeister ergänzte: „Dieser Glaube entsteht und wird bewahrt vor Ort - durch tägliche Anstrengung von vielen. Nehmen wir uns das zum Leitbild für 2019: ‚Wir Mannheimer glauben an die Menschen und die Menschheit‘“.

Ein Dutzend Ehrenamtliche ehrte Oberbürgermeister Peter Kurz im Anschluss seiner Rede für ihr Engagement. Unter großem Applaus der Zuschauer im Mozartsaal nahmen die Frauen und Männer ihre Urkunden auf der Bühne entgegen.

Digitale Sensortechnik trifft klassische Musik, Tanz und Jazz – so lautete das Motto des begeisternden Musikbeitrags Vivaldi Redux. Auf der Bühne standen dabei Studierende der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim.

Daniela Schwarzer, Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, prognostizierte in ihrem Festvortrag „Die Welt im Umbruch: Handlungsoptionen für Deutschland und Europa“, keine Entspannung der von Peter Kurz zitierten „nervösen Zeiten“.

Sie blickte in ihrem sehr nachdenklichen Beitrag zurück auf 2018, auf eine „Welt in Aufruhr“. Ausschlaggebend sei auch die Außenpolitik von US-Präsident Donald Trump. Dies sei ein Aufruf, dass sich Europa mehr um sich selbst kümmern müsse. Da habe Deutschland eine Vorreiterrolle. Als weiteres Beispiel nannte Schwarzer die Sicherheitslage mit Aufrüstung, Terroranschlägen oder Cyberattacken. So seien Drohnen aufgrund ihrer Verfügbarkeit und geringen Kosten gefährliche Waffen.

Deutschland stehe außen- und sicherheitspolitisch vor keinen einfachen Entscheidungen. Wo stehe Europa, wenn der Handelskrieg zwischen den USA und China sich verstärke, fragte sie. Zudem müsse sich Deutschland fragen, wie die Bundesrepublik umgehe mit möglichen Einsätzen von Truppen der Vereinten Nationen, zum Beispiel in der Ukraine. Für Deutschland stelle sich auch die Frage, wie es mit der Europapolitik weitergehe. Schwarzer schloss mit einer positiven Anmerkung: Die jüngere Generation in Europa sei auf Europa eingestellt, das zeige sich zum Beispiel bei der Brexit-Frage in Großbritannien. „Gehen Sie wählen“, forderte sie die Mannheimer Bürger auf.

Den Abschluss des Festakts bestritt die Band YéY aus Studierenden der Popakademie mit treibendem Weltmusik-Beat – eine starke, bewegungsanimierende Vorstellung, die zu Recht sehr freundlich beklatscht wurde.

Was jährlich wechselt, ist das Schwerpunktthema. Es lautet nun „Stadt im Wandel – Mannheim 2030“. Dazu präsentieren Stadtverwaltung und zivilgesellschaftliche Akteure im Rosengarten die großen globalen und lokalen Zukunftsthemen. Gäste können sich beispielsweise mit VR-Brillen („Virtual Reality“) auf eine virtuelle Reise durch das Neubaugebiet Franklin begeben. Zudem kann der beliebte Mehrwegbecher der Kampagne „Bleib deinem Becher treu“ käuflich erworben werden. Kulturinteressierte erfahren, welchen Beitrag Kultur für ein Zusammenleben in Vielfalt leisten kann, und erleben live auf der Kulturbühne die unterschiedlichsten Musikrichtungen – traditionelle indische und brasilianische Musik mit Einflüssen aus Jazz, Funk und Pop.

Seit 2000 startet die Quadratestadt auf diese Weise in das neue Jahr. „Die Veranstaltung findet – analog zu den Vorjahren – wieder im gesamten Haus statt“, informiert Rainer Gluth von der Protokoll-Abteilung im Rathaus, der mit seinem Team das Großereignis mit zahlreichen Bühnen in mehreren Foyers des Kongresszentrums organisiert. 

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