Mannheim

Filmschätze Private Aufnahmen von 1976 bis 1978 zeigen Mannheimer Lichterglanz, einen riesigen Adventskalender und viele längst geschlossene Geschäfte

Nostalgische Weihnachts-Erinnerungen

Sie sind erst gut 40 Jahre alt – und doch schon an vielen Stellen historisch zu nennen: Aufnahmen des Hobbyfilmers Wolfgang Kasper, der dem Marchivum seine kompletten Werke auf Super 8 vermacht hat, zeigen das weihnachtliche Mannheim der Jahre 1976 bis 1978 und den Weihnachtsmarkt – damals noch auf dem Paradeplatz. Dank Digitalisierung zählen sie nun zu den Filmschätzen, die der Nachwelt erhalten bleiben werden.

Vielen Betrachtern wird es so gehen wie Désirée Spuhler, der Leiterin der Audiovisuellen Sammlung im Marchivum. „Ich selbst erinnere mich noch daran, in Kindertagen den großen Adventskalender an der Karstadt-Fassade bestaunt zu haben“, so Spuhler. Daher wurde ihr „beim Schneiden ganz nostalgisch zumute“ – und sicher nicht nur ihr.

Über fast die ganze Fassade hat er sich erstreckt, der riesige Adventskalender von Karstadt in K 1. Ab Einbruch der Dunkelheit umgibt zudem noch eine Lichterkette den Kalender, und täglich zu einer festen Uhrzeit wird in einem großen Spektakel ein Türchen geöffnet – was stets ein großer Pulk von staunenden Passanten auf der Straße verfolgt.

Doch das ist lange Geschichte. Zehn Jahre schon hat das Warenhaus am Ende der Breiten Straße geschlossen. Auch andere Namen von Firmen, deren Leuchtreklamen und für Kinder so verlockende Schaufenster der Film von Wolfgang Kasper zeigt, sind längst nicht mehr existent. „Phora“, das im früheren Neckermann-Gebäude auf den Planken ansässige „große Spezialhaus für Photo – Kino – Radio“, wie es einst geworben hat, ist Anfang der 1990er Jahre vom Markt verschwunden, Konkurrent „Rheinelektra“ schon 1986. Der Film erinnert auch an das große Kaufhaus Hertie in E 1 – 1996 sind da aber die Lichter endgültig ausgegangen. Seit 2001 wird bei Teppich Engelhardt in dem Haus mit der charakteristischen, an Webkunst erinnernden und denkmalgeschützten Metallfassade keine kostbare Auslegware mehr verkauft.

Bereits 1987 endet die Ära der „Kaufhalle“ in P 5, wo vor dem Zweiten Weltkrieg lange das DeFaKa (Deutsches Familien-Kaufhaus) zu Hause ist. Im Film sieht man noch die leuchtend rote „Kaufhalle“-Schrift, davor sprudelt am Eck – nachts angestrahlt – der (lange vor der Planken-Sanierung abgebaute) Kugelbrunnen von Klaus Hermann an der Haltestelle „Strohmarkt“. Die wunderschönen großen Lichterketten, die über die ganze Straße hinweg senkrecht nach unten hängend für ganz besonderen Glanz in der Mitte der Fußgängerzone sorgen, gibt es aber noch heute. Das renommierte Modehaus heißt indes nur noch Engelhorn – 1978 firmiert es als „Engelhorn & Sturm“, wirbt mit einem großen, leuchtenden Engel, der in ein Horn bläst …

Der Weihnachtsmarkt auf dem Paradeplatz, rund um die beleuchtete Grupello-Pyramide, ist zum Zeitpunkt des Films noch gar nicht so alt. Erst am 6. Dezember 1972 eröffnet der damalige Wirtschaftsbürgermeister Erhard Bruche auf dem Paradeplatz den ersten Mannheimer Weihnachtsmarkt.

Umzug zum Wasserturm

Zwischen „Engelsgasse“ und „Nikolausstraße“ finden 100 rustikale und liebevoll dekorierte Holzhütten Platz. An den Wochenenden sorgen Musikkapellen für festliche Stimmung, so das Polizeimusikkorps, die USAREUR-Band und die Bläser des Philharmonischen Orchesters der Pfalz. Drei Viertel der Aussteller sind, so die damalige Bilanz der Veranstalter, zufrieden und fest entschlossen, auch im nächsten Jahr dabei zu sein.

Als 1977 unter dem Marktplatz G 1 eine Tiefgarage gebaut werden soll und der Wochenmarkt daher auf den Paradeplatz umziehen muss, wird der Weihnachtsmarkt auf den Friedrichsplatz am Wasserturm verlegt. Das ist anfangs heftig umstritten und nur als Provisorium gedacht – aber auch längst Geschichte, denn inzwischen sind sich alle einig, dass es keinen schöneren Platz und keine bessere Atmosphäre geben könne als inmitten eines der größten Jugendstil-Ensembles in Europa.

Als die Tiefgarage gebaut ist und die Markthändler nach G 1 zurückkehren, bleibt der Weihnachtsmarkt am Wasserturm. Und statt 100 haben am Wahrzeichen auch rund 200 der beliebten Buden Platz. Dafür entfaltet, nun auch schon im siebten Jahr, auf dem Paradeplatz der Märchenwald ein besonderes Flair.

Info: Film und Dossier unter morgenweb.de/filmschaetze

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