Mannheim

Stadtgeschichte Kriegstagebuch ans Marchivum verschenkt / Beispiel für Manipulation durch die Nationalsozialisten

Notizen über den „geliebten Führer“

Malta bombardiert, Bomben auf London. Notiert wird eigens die „starke Wirkung des Angriffs“ der Wehrmacht, während „der Feind nur mit wenigen Flugzeugen das Reichsgebiet“ erreicht habe. Geschrieben hat das alles Gerda Höflich in den Jahren 1940/41. Nun schenkte die fast 90-Jährige ihr einst akribisch geführtes Kriegstagebuch dem Marchivum.

Damals war sie elf Jahre alt und Schülerin der Kl. I a der Mittelschule am Tattersall. „Wir mussten das alles so aufschreiben, das war wie ein Schulaufsatz“, erinnert sie sich. Mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln ist illustriert, welche „Erfolge“ die deutschen Soldaten erzielen. Feindliche Angriffe werden immer „durch entschlossene Gegenwirkung zurückgewiesen“, so eine Notiz „von der griechischen Front“, während es einige Absätze weiter heißt: „In Ostafrika nichts von Bedeutung“. Zumindest nicht aus Sicht des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), dessen Berichte die Schüler auszuwerten (besser: abzuschreiben) hatten. „Man hat ja Noten gekriegt, also schrieb man eben: mein geliebter Führer. Meine Meinung war das schon damals nicht, ich hatte jüdische Freundinnen“, erzählt jährige Gerda Höflich geb. Eckler.

In Sütterlinschrift

Für Susanne Schlösser sind das „prägnante Beispiele für die Manipulation von Kindern im Sinn des nationalsozialistischen Regimes“, so die Abteilungsleiterin Historisches Archiv im Marchivum. Sie ist dankbar für das Geschenk, will es digitalisieren und auswerten – in ihrem Team gibt es, auch dank einiger Ehrenamtlicher, noch Leute, welche die feine Sütterlinschrift des Tagebuchs entziffern können.

Für Schlösser ist es „eine interessante Quelle“. Gerda Höflich stellt es gerne nachfolgenden Generationen zur Verfügung. „Ich habe keine Kinder, keine Angehörigen, es würde im Container landen“, sagt sie. Das vertraute sie Karlheinz Wolf an, der sich dafür interessierte und das dem Rheinauer Helmut Losert erzählte, reger Nutzer im Marchivum. So kam der Kontakt zustande, und da Gerda Höflich das Tagebuch unbedingt selbst übergeben wollte, fuhren sie zusammen zum Marchivum.

Die Einträge enden 1942 – denn da kam Gerda Höflich wegen der zunehmenden Bombenangriffe, wie viele andere Mannheimer Schüler, mit der „Kinderlandverschickung“ nach St. Blasien. Ihr Tagebuch hat sie zwar mitgenommen, musste es dort jedoch nicht mehr weiterführen. Erst 1946 kehrte sie zurück zum Elternhaus in H 4, das zum Glück nicht ausgebombt war. „Ich wusste lange nicht, ob die Eltern noch leben“, erinnert sie sich. Vom Rangierbahnhof aus sei sie heimgelaufen. „Als ich zurückkam, haben sie gesagt: Hättest Du lieber Deine zwei Koffer mit alten Kinderkleidern dort gelassen und etwas zu Essen mitgebracht, denn sie haben gehungert“, so Gerda Höflich. Nach der Heirat 1953 war sie nach Brühl gezogen.