Mannheim

Nur ein erster Schritt

Archivartikel

Die Aussagen der Eltern sind immer gleich: „Die Kinder haben geschlafen und nichts von den Streitereien mitbekommen.“ Diese Annahme, die sich Mütter – oder im deutlich selteneren Fall Väter – als Opfer von häuslicher Gewalt oft einreden, ist fatal. Sie ist falsch und verzerrt die Realität. Forschungen haben gezeigt, dass der Nachwuchs genau von den Auseinandersetzungen der Eltern weiß. Laut einer Studie aus dem Jahr 2007 haben 92 Prozent der befragten Kinder die Gewalt mit ansehen müssen. Fast 40 Prozent erlebten einen Polizeieinsatz, knapp 80 Prozent wurden selbst Opfer. Es sind alarmierende Zahlen, die sich in den vergangenen zehn Jahren kaum geändert haben dürften. Darum ist es gut und wichtig, dass es in Mannheim eine spezielle Fachtagung zu dieser Thematik gibt.

Sozialarbeiter brauchen das Wissen, den Austausch und vor allem das Netzwerk, um diese Probleme nicht nur im Blick zu haben, sondern auch behandeln zu können. Die Auswirkungen von häuslicher Gewalt auf den Nachwuchs müssen noch stärker in den Fokus der Hilfen rücken. Die Kinder sollten individuell betreut werden, sollten über ihre Probleme, über ihre Angst und über ihre Sorgen mit Fachkräften sprechen können.

Denn genau das fällt ihnen besonders schwer. Weil ihre Eltern über die Gewalt in der Familie schweigen, tun das die Kinder ebenfalls. Alles Erlebte bleibt unausgesprochen. Aggressionen, Depressionen, Schulversagen – die durch die Gewalterfahrung ausgelösten Probleme sind vielfältig und erfordern geschulte Hilfe. Die Forderung nach mehr Unterstützung für minderjährige Opfer muss also noch lauter werden. Der Fachtag in Mannheim ist ein erster Schritt.