Mannheim

"MM"-Bürgerforum zur Zukunft des Nationaltheaters

OB Kurz: "NTM überzeugt auch nach 60 Jahren"

Archivartikel

Mannheim.Die Zukunft des Mannheimer Nationaltheaters bewegt derzeit die Stadt: Es geht um die Frage, ob das Theater saniert oder durch einen Neubau ersetzt werden soll. Heute Abend gibt es beim Bürgerforum des "Mannheimer Morgen" erstmals für Bürger die Möglichkeit, mit Oberbürgermeister Peter Kurz sowie mehreren Theater-Vertretern über das Thema zu diskutieren. Außerdem werden exklusiv einige Pläne und Bilder öffentlich gezeigt.

Nur ganz wenige Plätze sind bei Beginn der Veranstaltung um 19.30 Uhr freigeblieben. Der Chefredakteur des "Mannheimer Morgen", Dirk Lübke, blickt also auf ein großes Publikum, als er die Zuhörer des Bürgerforums im Schauspielhaus des Nationaltheaters begrüßt. Als Vorbereitung hatte der "Mannheimer Morgen" mit seiner Beilage "Nationaltheater, was wird daraus?" über mehrere Wochen intensiv über die Zukunft des Nationaltheaters berichtet. "Wir haben jeden Stein umgedreht", sagt Lübke und hebt dabei die Arbeit der Redaktion hervor. "Unser Kulturchef Stefan Dettlinger und Peter W. Ragge haben hervorragende Arbeit geleistet." Das Publikum applaudiert. Im Publikum sitzt auch Theresia Bauer (Grüne), Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg. Dirk Lübke zeigt sich erfreut. "Das zeigt, dass das Thema das ganze Land und sogar die Republik betrifft", sagt er und fährt fort: "Ich bin gespannt, wo wir und das Nationaltheater nach dieser Diskussion stehen."

Oberbürgermeister Peter Kurz hält nach der Begrüßung durch die MM-Redakteure Peter W. Ragge und Stefan Dettlinger einen kurzen Vortrag. "Es ist wichtig, eine gemeinsame Informationsbasis zu haben", sagt er. Fest steht für ihn, dass es dringenden Sanierungsbedarf gibt. In den letzten Jahren sei viel investiert worden, allerdings überwiegend in die Bühnentechnik. Die Gebäudetechnik sei noch auf dem alten Stand. Der Oberbürgermeister glaubt aber an die Funktionalität des Gebäudes: "Es überzeugt auch nach 60 Jahren. Heute würde man ein Theater grundsätzlich nicht anders bauen."

Neben Peter Kurz nehmen an der Diskussion Marc Stefan Sickel, Geschäftsführender Intendant des NTM, Albrecht Puhlmann, Opernintendant am NTM, Architekt Andreas Schmucker sowie Gabriele Oßwald, Künstlerin und ehemalige Leiterin von "Zeitraumexit", teil.  

Mehr als drei Viertel des Kulturetats der Stadt fließe in die Museen und Theater. Für die freie Szene wirken solche Summen absurd. Gabriele Oßwald, die ehemalige Betreiberin des "Zeitraumexit", sagt: "Es ist ein Wahnsinn, wenn man sich vorstellt, dass auf der einen Seite Millionen für die Häuser ausgegeben werden - und der freien Szene wird die Tür wird mit dem Argument "zu wenig Geld" zugeschlagen. Das ist manchmal schwer auszuhalten." Das möchte Oberbürgermeister Peter Kurz so nicht stehen lassen: "Wir wissen, wie wichtig die freie Szene ist."

Gabriele Oßwald wünscht sich, dass nicht nur über das Geld gesprochen wird, sondern dass man auch über Inhalte spricht. "Wir müssen uns fragen, welches Theater wir wollen." Peter Kurz hält das für eine abstrakte Diskussion. Doch egal, welche Lösung am Ende steht, zwischendurch müsste an verschiedenen Interimsspielstätten gespielt werden. Ein Betrieb, wie jetzt, mit acht Opern-Premieren, scheint schwer vorstellbar.

"Das ist eine reizvolle Aufgabe, für die man viele motivieren muss", sagt Albrecht Puhlmann. Ein Neubau kam für ihn eigentlich nie infrage. "Ich bin überrascht, dass man das Haus überhaupt in Frage gestellt hat. Wie kann man überhaupt daran denken, es abzureißen?", sagt der Opernintendant. Diesen Bau müsse man in die Zukunft führen. Dafür gibt es Applaus aus dem Publikum. 

Andreas Schmucker war als Architekt unter anderem für die Erneuerung des Speicher 7 und des Rosengartens zuständig. Das Gebäude am Goetheplatz hat für ihn ein schlechtes Image, das es nicht verdiene. "Das ist ein Gebäude aus dem Lehrbuch, das kann man nicht besser machen", so Schmucker. Ein Beispiel dafür fände sich auch in der Inneneinrichtung. "Die Anordnung der Stühle ist heilig", sagt er. Die Zustimmung aus dem Publikum ist groß.

In vier Jahren Sanierungszeit sei es möglich, ein Nationaltheater zu haben, das mit Sinn und Verstand saniert wurde. "Der Zeitplan ist vernünftig, man muss halt auch gute Kompromisse schließen", so Schmucker. Die Gegebenheiten sollten dabei auf jeden Fall berücksichtigt werden. "Man muss mit dem Haus und nicht gegen das Haus planen". Der Denkmalschutz sei für ihn kein Hindernis. "Die Zusammenarbeit mit den Denkmalschützern läuft gut", sagt Schmucker.

Der Geschäftsführende Intendant des Nationaltheaters, Marc Stefan Sickel, findet das Haus richtig konzipiert. Die durchschnittliche Auslastung von gut 74 Prozent sei ausreichend. "Zudem haben wir Highlights wie die Produktion von "Vespertine", wo fast jeden Abend die Veranstaltungen ausverkauft sind", sagt er.

Ein Problem ist die Finanzierung. Weder der Bund noch das Land haben eine Absichtserklärung gegeben, finanziell zu unterstützen. Eines ist für Peter Kurz klar: "Wir können die Belastung finanziell und gesellschaftspolitisch allein nicht tragen". Das Budget, von dem man da spreche, läge beim doppelten des gesamten jährlichen Investitionsvolumens. "Die Gespräche mit den Partnern laufen", sagt Peter Kurz. "Über Wasserstandsmeldungen zu spekulieren, bringt nichts", ergänzt er.

Peter Ragge resümiert: "Die Mannheimer stehen hinter ihrem Theater". Das Publikum honoriert das mit Applaus. 

Immer wieder kamen in der Vergangenheit Kooperationsideen auf, auch zwischen den öffentlichen Häusern und der freien Szene. Gabriele Oßwald sieht dies skeptisch: "Bei solchen Kooperationen habe ich das Aufeinandertreffen der verschiedenen Denkweisen erlebt. Das ist nicht immer leicht." Für sie ist eine inhaltliche Diskussion über die Ausrichtung des Nationaltheaters keineswegs abstrakt. Die Strukturen "eines so großen Schiffes" könne man auch einmal überdenken.

Warum die demokratischen Strukturen am Haus des Nationaltheaters aufhören, fragt sie sich. Sie kritisiert den Absolutheitsanspruch der Intendanten: "Das sind die letzten Monarchien Deutschlands!" Der Applaus ist verhalten, das Publikum ist unruhig. Albrecht Puhlmann widerspricht, aus dem Publikum sind vereinzelt Stimmen zu hören, sich wieder mehr dem Thema Generalsanierung zu widmen.

"Ein Besucherschwund wird sich in der Umbauphase nicht vermeiden lassen", sagt der Geschäftsführende Intendant Marc Stefan Sickel. Das ehemalige Kino in Franklin sieht Sickel als neuen Ort, an den man Tanz und Schauspiel verlagern könnte. Über konkrete Zahlen zu sprechen, sei nicht seriös. Bis zur Schließung will er die Besucherzahlen steigern. Mit 20 Prozent weniger Zuschauern während der Umbauphase müsse man schon rechnen.

Für Gelächter sorgt Peter Kurz' Aussage, das Nationaltheater sei älter als die Stadt Ludwigshafen. Kurz sagt aber auch: "Der Pfalzbau hat eine eigene Identität." Dem Begriff "Nationaltheater Mannheim-Ludwigshafen" könne er nichts abgewinnen. Er hält eine Verknüpfung des Themas Generalsanierung und der Frage nach dem Pfalzbau nicht für zielführend.

Eine Besucherin findet es bedauerlich, dass das Nationaltheater mit der freien Szene in Konkurrenz gesetzt wird. "So viele Leute, wie das Nationaltheater erreicht, das kann die freie Szene gar nicht leisten", sagt sie.

Eine Besucherin möchte wissen, ob auch Heidelberg als Standort für Ausweichspielstätten in Frage käme. Opernintendant Albrecht Puhlmann hält das für unwahrscheinlich. "Die dortigen Räumlichkeiten bieten gar nicht die Kapazitäten, die wir bräuchten", sagt er.

Andreas Schmucker drängt auf eine schnelle Umsetzung der Sanierung. Er ist mit seinem Büro zu einem Drittel an der Generalsanierung beteiligt. "Je schneller es losgeht, desto besser."

So ist auch der Tenor im Publikum. Kontroverse Diskussionen gibt es um die Ausgestaltung des Theaters und die inhaltlichen Schwerpunkte. Den Erhalt des Nationaltheaters stellt allerdings niemand infrage.

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