Mannheim

Serie Nachhaltigkeit Auf dem Neumarkt in der Neckarstadt wird Baden-Württembergs erste Ecotoilette getestet – die kommt komplett ohne Wasser aus

Öffentliches WC mit Sägespänen statt Spülung

Mannheim.Seit Sommer werden zwei Trockentoiletten am Neumarkt in der Neckarstadt getestet – ein einmaliges Pilotprojekt in Baden-Württemberg. Sie funktionieren ohne Wasserspülung, Besucher werden stattdessen per Schild dazu aufgefordert, Sägespäne aus einem Vorratsbehälter in die Toiletten zu streuen. Der Hersteller Ecotoiletten aus der Nähe von Berlin verspricht, dass es innen lediglich nach Holz riechen soll.

Marek Massalski benutzt sie öfter. Sein Fazit: „Die biologische Toilette ist perfekt.“ Kritik übt er an anderen Nutzern, die oft Schmutz hinterließen. Das ist auch für Studentin Julia Sohn ärgerlich: „Mir ist sofort aufgefallen, dass sowohl der Boden als auch der Toilettensitz nass und voller Holzschnipsel waren. Es hat einen unhygienischen Eindruck gemacht.“ Der Geruch habe sie an öffentliche WCs mit Wasserspülung erinnert, aber: „Der Geruch war nicht so penetrant.“

Kevin Kuhn, Geschäftsführer von Ecotoiletten, erklärt, dass täglich gereinigt werde. Die Firma möchte ökologisch agieren: Beim Bau der WCs wird auf natürliche Materialien und Langlebigkeit Wert gelegt, die Reststoffe werden kompostiert, und der entstehende Dünger kann für den Garten- und Landschaftsbau genutzt werden. Kuhn: „So entsteht ein Rohstoffkreislauf ohne einen Tropfen Trinkwasser zu verschmutzen und ohne die energiereiche Aufbereitung in Kläranlagen.“ Trinkwassermangel ist allerdings kein Thema in Mannheim und der Region.

Statt für die Aufbereitung in Kläranlagen wird bei den Ecotoiletten Energie beim Transport der Fäkalienbehälter verbraucht. Aufgestellt werden können die Ecotoiletten überall, weil weder Strom- noch Wasseranschluss nötig sind. Die Hände werden mit einem Spezialmittel desinfiziert, auf Wunsch baut die Firma eine Solaranlage ein, um die Kabinen zu beleuchten. Bisher hat die Firma ihre Entwicklung vor allem bei Veranstaltungen vermietet, jetzt baut sie auch verschiedene Toilettenvarianten für Kommunen.

Laut Kuhn hat die Stadt Mannheim die Doppeltoilette für sechs Monate gemietet und zahlt dafür rund 300 Euro monatlich, plus 90 Euro täglich für die Wartung. Ein Kostenvergleich zu konventionellen öffentlichen Toiletten sei nicht möglich, so die städtische Entwicklungsgesellschaft MWSP, weil es abhängig von der Qualität der Toilettenhäuschen und der Leistungen des Anbieters eine große Bandbreite gebe. Aber: „Die Anschaffungskosten/Mietkosten sind gegenüber denen eines Neubaus von stationären, konventionellen Toilettenanlagen deutlich geringer.“ Bisher werden die zwei Toiletten laut MWSP gut angenommen, ein Fazit werde erst gegen Ende der Testphase in etwa drei Monaten gezogen. Künstlerin Steffi Peichal hatte den Kubus im Sommer mit eckigen Figuren bemalt.

Entstanden ist die Idee zur Ecotoilette bei einem Hilfsprojekt: 2012 wurden in einem indischen Dorf in der Nähe von Pune von den drei späteren Firmengründern für Familien ohne Sanitäranlagen 35 Trockentoiletten gebaut. Geschäftsführer Kuhn erklärt: „Aus dieser Erfahrung heraus haben wir beschlossen, auch in Deutschland mehr Menschen mit Trockentoiletten in Berührung zu bringen.“

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