Mannheim

Ökonomie des Heils

Vielleicht ist das etwas ungewohnt, von einer „Ökonomie des Heils“ zu lesen. Heil ist ein etwas antiquiertes Wort. Heil ist, was nicht kaputt ist, wo alles an seinem Platz ist, vollständig und ohne Mangel. Unter Ökonomie verstehen wir meist eher das Wissen darüber, wie Güter angesichts ihrer Knappheit angemessen bewertet, gehandelt und verteilt werden. In diesem Sinne geht es in der Ökonomie zu, wie am Kaffeetisch beim Kuchen: Je mehr Menschen am Tisch sitzen und von dem Kuchen essen wollen, desto kleiner werden die Stücke für jeden Einzelnen. Wenn es schlecht läuft, haben sich manche so große Kuchenstücke gesichert, dass andere leer ausgehen.

Die Fülle vor Augen

Bei der „Ökonomie des Heils“ habe ich nicht den Kuchen, sondern die Fülle vor Augen: „Und siehe, es war sehr gut“, sagt der Schöpfer über sein Werk. Es ist alles da! Die „Ökonomie des Heils“ geht von Gütern aus, die im Unterschied zum Kuchen mehr und größer werden, je mehr Menschen daran teilhaben. Eltern kennen diese Erfahrung: Wenn das zweite oder dritte Kind kommt, wird die Liebe nicht weniger. Gerechtigkeit wird auch nicht weniger, wenn mehr Menschen sie gebrauchen, oder Frieden, oder Vertrauen.

Ich kann darauf vertrauen, dass genug für alle da ist. Weil Gott dafür sorgt.

Das ist ein verheißungsvoller und befreiender Gedanke: Mein Leben ist kein Wettrennen, kein Wettbewerb: Es ist genug für alle da! Der Gedanke begründet eine doppelte Freiheit: Die Freiheit von dieser allgegenwärtigen Sorge, zu kurz zu kommen. Und die Freiheit, mich anderen Menschen gelassen zuzuwenden.

Güter, die durch Teilen wachsen

Es tut uns und unserem Zusammenleben gut, wenn wir auf diese „Ökonomie des Heils“ vertrauen und ihr einen Platz in unserem Leben einräumen. Gerade weil wir uns in mehr und mehr Lebensbereichen an die Ökonomie der Knappheit und des Mangels verlieren. Ich kann darauf bauen, dass wesentliche Lebensmittel eben nicht nach der Ökonomie des Kuchens funktionieren. Güter wie Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, Vertrauen sind eigentlich nicht knapp, sondern im Gegenteil: Das sind Güter, die durchs Teilen wachsen. Sie sind unbegrenzt verfügbar. Liebe, Gerechtigkeit, Frieden und Vertrauen werden mehr durch ihren intensiven „Verbrauch“.

Dazu ist der Sonntag da

Genau dazu ist der Sonntag da: Dass wir dieser Gewissheit einen Raum geben. Dass wir einen Tag in der Woche „frei-halten“, um die Werte und Güter zu teilen, die uns und unser Zusammenleben heil machen. Einen Tag in der Woche das genießen, was uns in Fülle und unbegrenzt zur Verfügung steht.

Ministerpräsident Wilfried Kretschmann hat uns im Januar ausdrücklich dazu ermutigt: Der Sonntag als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung sei ein „Geschenk der Gläubigen an die ganze Gesellschaft“. Der freie Sonntag hat eine heilende Wirkung. Er ist Gelegenheit, das Hamsterrad der Geschäftigkeit zu verlassen und sich „in Ruhe“ beschenken zu lassen.

Auch wenn wir als Kirche morgen mit der ganzen Stadt und dem Handel die neu gestalteten Planken feiern. Diesen freien Sonntag schützen wir. Er ist, so zitiert Ministerpräsident Kretschmann den Philosophen Robert Spaemann, „wie ein Baum, in dessen Schatten wir seit jeher auszuruhen gewohnt sind“.

Dekan Ralph Hartmann, Evangelische Kirche Mannheim