Mannheim

Medizin Die Mannheimer Ärztin Tabea Kasielke arbeitet und lehrt in einem Krankenhaus im Kongo – unter zum Teil abenteuerlichen Umständen

Operationen im Licht der Taschenlampe

Archivartikel

Jeremie ist 14 Jahre alt. Im November 2017 musste der kleine Junge im Chahi-Krankenhaus (KKH) in Bukavu, im Osten der Demokratischen Republik Kongo, operiert werden. Am OP-Tisch stand damals die Mannheimerin Tabea Kasielke. Nach einiger Zeit stellte die Ärztin fest, dass Jeremie – obwohl genesen – noch immer im Krankenhaus war.

Das Warum interessiert sie. Im Kongo, einem der ärmsten Länder der Welt, müssen viele Familien mit einem Budget von einem Dollar pro Tag auskommen. Eine Operation kostet ein Vielfaches. Bis die Kosten beglichen sind, bleiben die Patienten quasi als Pfand im Krankenhaus.

Am Tag kommt – hoffentlich – jemand aus der Familie und bringt etwas zu essen. Bei Jeremie hätte ein Nichtreagieren bedeutet, dass er nicht mehr zur Schule gehen darf. Im Kongo wird ein Schulgeld verlangt. Die Gebühren betragen pro Jahr in der Grundschule 170 Euro, in der weiterführenden Schule 250 Euro. Eine für kongolesische Begriffe gigantische Summe. Dennoch darf, wer entschuldigt drei, oder unentschuldigt zwei Monate der Schule fern bleibt, nicht mehr kommen.

Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe

Als Tabea Kasielke dies erfuhr, sammelte sie den Betrag, löste Jeremie aus und ermöglichte ihm so, wieder zur Schule gehen zu können. Mit Patrick Bulambo Riziki, Arzt am Chahi, entwickelte sie das „Patenschaftprogramm für benachteiligte Kinder“. Denn, da waren sich die beiden Mediziner einig: „Es gibt nur eine Sache, die auf Dauer teurer ist als Bildung – keine Bildung!“ Das Zitat stammt vom ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy.

Namensgeber für das Projekt wurde Jeremie. Kinder sorgfältig ausgesuchter Familien werden unterstützt, aber nur ein Kind pro Familie. Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Mit einer Ausbildung kann das Kind einen Beruf ergreifen, selbst Geld verdienen und die Geschwister unterstützen. Dieser Dominoeffekt fängt jetzt an zu greifen.

Schon mit 14 Jahren wusste Tabea Kasielke, dass sie einmal im christlichen Missionsdienst als Ärztin Hilfe leisten wolle. Sie ist Fachärztin der Chirurgie, Notfall-Medizinerin und hat seit zwei Jahren intensiv Einblick in die Geburtshilfe und Gynäkologie gewonnen. Außerdem besuchte sie einen Kurs Katastrophenhilfe. Darüber kam Kasielke mit der Regierungsunabhängigen Organisation in Kontakt, die für das Chahi-KKH eine Stelle zu besetzen hatte. Nun hat sie bereits zweimal in Zusammenarbeit mit der Organisation LandsAid das Chahi unterstützt.

Wenn die Ärztin über Ihr Projekt spricht, funkeln ihre Augen. Auch die Frage „wohin gehöre ich?“ kann Kasielke inzwischen beantworten: „Das ist mein Krankenhaus!“ Im Chahi soll sie lehren, ausbilden. Dabei lernt sie gleichzeitig viel über das Arbeiten in Entwicklungsländern. Und sie lernte viele gute, motivierte Ärzte mit guter Ausbildung kennen. Ihr soziales Engagement ließ sie schon mehrmals ihre Urlaube unter anderem in Indien, El Salvador und Zentralafrika verbringen, wo sie in Krankenhäusern Dienst an den Ärmsten der Armen versieht.

OP-Bestecke, sterile Verbandsmaterialien, Desinfektionsmittel sind im Kongo sehr rar. Ganz zu schweigen von OP-Tischen oder Stromgeneratoren. Es fehlt an fast allem. Und was es gibt, ist teuer. Darum ist Tabea Kasielke ihren Arbeitgebern für deren Unterstützung dankbar: Das Diakonissen-Krankenhaus und das St.-Marien-Krankenhaus in Ludwigshafen unterstützen sie mit Sachspenden.

In einem Vortrag zeigt Kasielke Fotos: Mehrere Menschen teilen sich ein Bett. Der Kreißsaal ist eine mittels Stofftuch abgetrennte Ecke „auf der Station“. Ein Patient liegt in seinem Bett, während hinter einem Vorhang operiert wird. Stromausfälle zwingen zu Operationen im Licht von Taschenlampen. Medizinisches Besteck kann nur sehr zeitaufwendig steril gemacht werden. Geldspenden fließen bis auf den letzten Cent dem JeremieProjekt zu.

Im Dezember steht ihre Hochzeit an. Sobald ihr Zukünftiger seinen Facharzt gemacht hat, wollen die beiden in Vollzeit im Kongo arbeiten. Das bedeutet aber auch, ihr Mannheim, wo Kasielke 1981 geboren wurde, wo sie lebt, wo sie viele Freunde hat, aufzugeben. Ihre Hoffnung, in medizinischer, christlicher und humanitärer Weise helfen zu können, gibt ihr Trost und Kraft.

Manchmal hat die Ärztin aber auch Angst. Dass ihre Geduld nicht ausreichen könnte. Oder dass sie nicht kreativ genug sei, die medizinischen oder gesellschaftlichen Unterschiede auszugleichen. Dann helfe ihr der Glaube an Jesus und die Zukunft in Ewigkeit weiter. Die Motivation, anderen von ihrem Glauben zu erzählen. Dafür betet sie.