Mannheim

Interview Ulrike Reinhardt-Klein bildet Lehrer zu Präventionsexperten aus / Auch um die Täter kümmern und wieder in die Gemeinschaft integrieren

„Opfer sollte man nie vor der Klasse ansprechen“

Wie geht man am besten mit Mobbingvorfällen um? Die Präventionsbeauftragte Ulrike Reinhardt-Klein über Alarmsignale und Täterbetreuung.

Frau Reinhardt-Klein, was ist Mobbing für Sie?

Ulrike Reinhardt-Klein: Schüler und ihre Eltern sprechen heute viel zu schnell von Mobbing. Oft sind Streitereien zwischen Kindern bei näherer Betrachtung doch „nur“ Konflikte zwischen Gleichstarken. Beim Mobbing herrscht ein Ungleichgewicht der Kräfte: Dabei hat ein Kind mehr Macht, ist größer, älter, stärker – oder es sind gleich mehrere Personen. Mobbing passiert über längere Zeit hinweg, ist systematisch und kommt nicht nur einmal vor. Es passiert etwa dauernd in der Pause, oder der Schüler erhält permanent verletzende Whatsapp-Nachrichten. Die Mobber grenzen aus, beschimpfen, lästern, ziehen an den Haaren oder lassen Kinder stolpern.

Wie erkennen Lehrer, dass ein Kind gemobbt wird?

Reinhardt-Klein: Das Kind zieht sich zurück, wird schweigsamer. Viele werden krank. Bauchschmerzen, die immer wieder über Wochen hinweg auftauchen, sind sehr typisch. Oft steht das Kind in der Pause allein am Rand, wird ständig gehänselt. Ein Alarmzeichen im Unterricht ist etwa, wenn ein Schüler etwas sagt und unterschwellige Kommentare folgen. Wenn das immer wieder beim selben Kind vorkommt, würde ich hellhörig werden und direkt nachhaken. Manche Kinder melden sich auch selbst. Eine Beziehung aufzubauen und genau hinzuschauen ist da sehr wichtig, denn nur so haben die Schüler genug Vertrauen, um auf die Lehrer zuzugehen.

Können Lehrer das verhindern?

Reinhardt-Klein: Es kann tatsächlich genauso ablaufen, wenn man falsch vorgeht. Ein Lehrer sollte das nicht in der Klasse anprangern und von der Klassengemeinschaft fordern, etwas dagegen zu tun. Ich selbst versuche von Anfang an ein anderes Klima zu schaffen und klarzustellen, dass es im Fall von Mobbing so etwas wie Petzen nicht gibt. Ein gutes soziales Klassenklima zu entwickeln ist hartes Training und dauert Wochen oder Monate.

Wie geht man mit den Opfern um?

Reinhardt-Klein: Da muss man sehr sensibel vorgehen. Etwa das Kind zufällig in der Pause ansprechen, aber nie vor der ganzen Klasse. Ich rate Opfern, ein Mobbingtagebuch zu schreiben, so kann man die Vorfälle später beweisen, denn vieleMobber leugnen ihre Tat.

Ist es wichtig, sich auch um die Täter zu kümmern?

Reinhardt-Klein: Auf jeden Fall. Statistiken zeigen, dass nicht nur die Opfer Spätschäden wie Depressionen und Selbstmordgedanken davon tragen, sondern auch die Täter. Die mobbenden Jugendlichen haben zwar keine Selbstmordgedanken, kommen aber später beruflich oft nicht voran oder scheitern, weil sie keine soziale Kompetenz haben. Deshalb ist Täterbetreuung genauso wichtig. Nur dann kann ein mobbendes Kind wieder in die Gemeinschaft integriert werden. Man sollte einem Kind niemals sagen: Ich mag dich nicht, weil du Täter bist. Sondern vielmehr klar machen: Ich mag dich als Person, aber dein Verhalten toleriere ich nicht.

Das Interview wurde persönlich geführt und der Gesprächspartnerin zur Autorisierung vorgelegt.