Mannheim

Interview Harald Dreßing, Leiter der Forensischen Klinik am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, erklärt warum Sexualstraftäter differenziert betrachtet werden sollten

„Pädophilie ist nicht heilbar“

Harald Dreßing leitet die Forensische Klinik am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI). Gemeinsam mit seinem Team erforscht und analysiert er das Verhalten von Straftätern. Zudem erstellt er Gutachten von Angeklagten und begleitet die Prozesse als Sachverständiger.

Herr Dreßing, was stimmt bei einem Sexualstraftäter nicht?

Harald Dreßing: Es gibt nicht die eine Aussage, die auf alle Sexualstraftäter zutrifft. Wenn ein Sexualstraftäter eine Störung hat, lautet der Fachbegriff hierfür „Paraphilie“, aus dem Griechischen hergeleitet: Man liebt etwas, was von der Norm abweicht. Eine dieser Paraphilien ist die Pädophilie. Pädophile Menschen werden ausschließlich durch vorpubertäre Kinder sexuell erregt. Und wir Mediziner unterscheiden noch zwischen pädophiler Präferenz und pädophilen Störungen.

Erklären Sie uns den Unterschied.

Dreßing: Die pädophile Präferenz ist gar nicht so selten. Es bedeutet, dass zum Beispiel jemand auf Fotos von Kindern in Badekleidung reagiert, sich sexuell erregt fühlt. Aber von dieser Erregung geht keine Gefahr aus. Derjenige wird nicht übergriffig. Er tut also nichts. Von pädophilen Störungen spricht man, wenn der Betroffene aus seiner Erregung heraus handelt und sich beispielsweise an einem Kind vergeht.

Also haben Täter, die Minderjährige oder Kinder sexuell missbrauchen, eine pädophile Störung?

Dreßing: Nein. Tatsächlich sind die wenigsten pädophil. Studien zeigen, dass weniger als die Hälfte der Täter pädophil sind.

Und von was sind diese Männer dann getrieben?

Dreßing: Es gibt beispielsweise familiäre Inzesttäter. Sie nutzen sozusagen die Verfügbarkeit im sozialen Nahraum und missbrauchen die eigenen Kinder oder die Stiefkinder, ohne dass sie eine pädophile Störung haben. Daneben können sie auch ein befriedigendes Sexualleben zum Beispiel mit ihrer Ehefrau haben. Ein anderes Beispiel sind Menschen mit einer dissozialen Störung, die grundsätzlich Grenzen überschreiten.

Ist Pädophilie angeboren, also genetisch vorprogrammiert?

Dreßing: Woher es kommt, wissen wir nicht. Erwiesen ist: Die Präferenzen sind früh angelegt. Es sind frühe Einflüsse in der Hirnbildung möglich, aber auch frühkindliche Lernerfahrungen, zudem äußere Umstände – vermutlich eine Kombination mehrerer Einflüsse.

Und wie kann man das „heilen“?

Dreßing: Pädophilie ist nicht heilbar. Aber es gibt kognitive verhaltenstherapeutische Ansätze, die helfen können, nicht noch einmal zum Täter zu werden. Mit dem Einverständnis des Betroffenen sind auch Hormonbehandlungen möglich. Dabei wird der Androgenspiegel fast auf Null gesenkt und dadurch die Libido deutlich minimiert.

Auch wenn nicht jeder Sexualstraftäter pädophil ist, so besteht doch immer die Gefahr, dass es noch einmal passiert. Würden höhere Strafen helfen?

Dreßing: Das überschreitet meine Kompetenz. Den Strafrahmen gibt der Gesetzgeber vor. Aber meine ganz persönliche Meinung ist, dass der Konsum und die Beihilfe zur Verbreitung kinderpornografischer Schriften oft recht mild bestraft werden. Eigentlich ist schon der Begriff Kinderpornografie falsch, denn Kinder können der Produktion solcher Bilder niemals zustimmen. Wer sich so etwas ansieht oder verbreitet, beteiligt sich also zumindest indirekt an einem schweren sexuellen Missbrauch von Kindern.

Müsste nicht bei jedem Prozess um sexuellen Missbrauch ein Gutachter, so wie Sie einer sind, anwesend sein, um klären zu können, welche Gefahr vom Angeklagten ausgeht?

Dreßing: Die Bestellung des Gutachters ist Sache des Gerichts und hängt vom Einzelfall ab. Ich stelle allerdings fest, dass es zu wenige Gutachter und auch zu wenige spezialisierte Therapieplätze gibt. Oft verstreicht zu viel Zeit, bis ein Verurteilter mit der Therapie beginnen kann.

Ist dann Wegsperren in jedem Fall immer die beste Lösung?

Dreßing: Nein. Die beste Lösung ist eine Therapie, und dann hängt es auch hier wieder vom Einzelfall ab, ob es sinnvoll ist, sie im gewohnten Umfeld zu machen, also ambulant, oder in der JVA – sozusagen im geschützten Raum, wenn eine Rückfallgefahr besteht oder der Täter auch bestraft werden muss.

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