Mannheim

Betreuungssystem Familien nehmen Kinder aus Krisensituationen bei sich auf / Bedarf hoch

Pflegeeltern auf Zeit – eine intensive Aufgabe

Archivartikel

„Bei Anruf Kind!“ Das gilt, salopp ausgedrückt, für Bereitschaftspflegefamilien, die Säuglinge oder Kleinkinder in Krisensituationen aufnehmen – weil beispielsweise ein häuslicher Konflikt eskaliert oder Eltern der Erziehungsalltag über den Kopf wächst. Vor 25 Jahren hat das Mannheimer Jugendamt begonnen, ein Betreuungssystem aufzubauen, das es ermöglicht, Mädchen und Jungen so lange in liebevolle Obhut zu nehmen, bis geklärt ist, wie es weiter geht. Der „MM“ sprach mit einer Mannheimerin, selbst Mutter, die sich vor 15 Jahren zur Bereitschaftspflege entschlossen hat und dabei geblieben ist: „Weil man Kindern in einer schwierigen Zeit viel geben kann.“

21 Mädchen und Jungen – einige noch winzige Babys, andere im Vorschulalter – hat Emma Schmitt (Name geändert) in ihrer Familie betreut. Manchmal ein paar Wochen lang, aber auch weit über ein Jahr – sogar über zwei Jahre hinweg. „Jedes Kind und jede Situation war anders“, fasst die Mittfünfzigerin ihre Erfahrungen zusammen. Sylvia Chebila vom Jugendamt nickt. Sie weiß, wie vielschichtig Probleme sind, wenn es gilt, Sprösslinge aus der Herkunftsfamilie zu holen – ob befristet oder auf Dauer. Gründe für diesen Schritt – „der uns nie leicht fällt“, so Chebila – sind besonders häufig Alkohol, Drogen, psychische Erkrankungen, Gewalt, Vernachlässigung, aber auch „eine allumfassende Überforderung“, wie es die Sachgebietsleiterin formuliert. „Manche Mütter wenden sich auch direkt an uns, wenn sie nicht mehr weiter wissen und Hilfe brauchen.“

Doppelte Funktion

Bereitschaftspflege erfüllt eine doppelte Funktion: Sie gewährt Babys wie Kleinkindern (bis zum sechsten Lebensjahr) während einer Ausnahmesituation so etwas wie einen Schutzraum und überbrückt Zeit, bis fest steht , ob ein Kind (mit intensiver Unterstützung seitens des Jugendamtes) wieder in seine Familie zurück kann oder langfristig in eine Vollzeitpflegefamilie gegeben werden sollte. Solche Klärungsprozesse, erläutert Sylvia Chebila, können sich lange hinziehen. Insbesondere wenn das Familiengericht eingeschaltet werden muss. Deshalb sucht das Jugendamt dringend weitere Bereitschaftspflegefamilien.

Und wie kam die Bibliothekswissenschaftlerin Emma Schmitt auf die Idee, sich nach der Familienpause – Sohn und Tochter besuchten bereits die Schule – für eine Tätigkeit als Mama auf Zeit zu entscheiden? Ein Flyer mit der Botschaft „Helfen Sie Kindern in Not!“ habe sie angesprochen. Rückblickend findet die Mittfünfzigerin gut, dass „ein langes Bewerbungsverfahren mit vielen Gesprächen“ vorgeschaltet war. „Wir wollen, dass Familien wissen, was auf sie zukommt“, erklärt Sachgebietsleiterin Chebila und ergänzt: „Wichtig ist uns auch später eine intensive Begleitung.“ Und deshalb steht sechs Bereitschaftspflegefamilien stützend wie beratend eine volle sozialpädagogische Fachkraft zur Seite.

Große Herausforderung

Nicht von ungefähr: Die Herausforderungen sind groß – auch weil Kinder einen plötzlichen Familienwechsel häufig als Schock erleben und darauf höchst unterschiedlich reagieren: Manche schreien und werfen sich auf den Boden, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht – andere verkriechen sich, können keine Nähe ertragen, schildert die Bereitschaftsmama. „Und alle brauchen viel Aufmerksamkeit und Geduld – aber nur mit Liebe zu überschütten, bringt nichts.“ Es gelte, den anvertrauten Schützlingen Zeit zu geben, Vertrauen zu fassen, ihnen Sicherheit zu signalisieren. Nicht nur einmal hat Emma Schmitt erlebt, wie bei einem entwicklungsverzögerten Kind nach einigen Wochen dessen Fähigkeiten geradezu explodierten. „Das motiviert natürlich!“

Befristete Pflegeeltern wissen, dass „ihre“ Schützlinge kommen und auch wieder gehen. „Abschiednehmen fällt natürlich umso schwerer, je länger ein Kind zu unserer Familie gehört hat“, gesteht Emma Schmitt. Aber sie hat die Erfahrung gemacht, dass sowohl eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie wie auch die Unterbringung bei Dauer-Pflegeeltern „sehr sensibel angebahnt werden“.

Und mit manchen ihrer Sprösslinge hat sie nach wie vor Kontakt. „Schließlich haben die Kinder ein Stück ihres Lebens in unserer Familie verbracht.“ Und dies solle nicht als Leerstelle, sondern als Teil der Biografie in Erinnerung bleiben, findet sie.

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