Mannheim

Grüne III Kretschmann spricht über Bedeutung von Glaube

Plädoyer für sinnstiftende Gemeinschaft

Bekennende Christen, die Gott und die Welt im Blick haben und gleichzeitig für eine offene Demokratie stehen, sind unter deutschen Politikern rar: Nicht von ungefähr hat die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Winfried Kretschmann als Verfechter eines zeitgemäßen Konservatismus mit religiösen Werten zu einem Vortrag samt Diskussion in die Schlosskirche eingeladen.

Die heutige Pfarrkirche der alt-katholischen Gemeinde bot Baden-Württembergs Ministerpräsidenten gestern einen symbolträchtigen Einstieg: Als die kurfürstliche Hofkapelle gebaut wurde, waren Staat und Religion noch eng verflochten – was inzwischen das Grundgesetz ausschließt. Anhand von philosophischen Exkursen, aber auch mit viel Alltagsbezug und Humor leuchtete der Grünen-Politiker „ein in der heutigen Zeit merkwürdiges Spannungsfeld“ aus, in dem christliche Kirchen an Prägekraft für die Lebensgestaltung verlieren, es aber gleichwohl Bestrebungen gibt, christlich-abendländische Traditionen hochzuhalten – beispielsweise durch den bayerischen Kruzifix-Erlass für Amtsstuben.

Religion nicht nur privat

Kretschmann zeichnete als Mittelweg zwischen der Verdrängung alles Religiösen ins Private und einer privilegierenden Staatskirche eine „kooperative“ und damit ausbalancierte Trennung von Staat und Religion. Er plädierte für eine im doppelten Sinne „aktive“ Religionsfreiheit, die gesetzlich gestärkt, aber von Gläubigen gelebt wird – mit dem Recht, sich auch gegen Religion zu entscheiden. Kretschmann zitierte die Schweizer Philosophin Jeanne Hersch, nach der „die echteste Rechtfertigung der Demokratie“ ist, dass Bürger weder eine Ideologie noch Moralismus aufgedrängt bekommen. Gleichwohl machte sich Kretschmann dafür stark, dass Religion nicht nur im privaten Kämmerlein stattfindet – „ sie darf auch öffentlich sein“.

Weil die Gesellschaft mehr als „eine Anhäufung von Individuen ist“, so der Politiker, sei die Erfahrung gemeinsamer Interessen und Werte wichtig. „Da der Staat selber keinen Sinn stiften kann, braucht er sinnstiftende Gemeinschaften“ – beispielsweise Religionsgemeinschaften. Gottesdienste bezeichnete Kretschmann als „elementare Momente der Besinnung und des Innenhaltens“ , und die als arbeitsfrei geschützten Sonntage würdigte er als „Geschenk für alle“. Der engagierte Katholik, dem die Ökumene am Herzen liegt, formulierte die Botschaft: „Unsere Gesellschaft braucht auch in Zukunft Kirchen und Religionsgemeinschaften, die helfen fest auf dem Boden zu stehen, aber den Blick zum Himmel zu richten.“