Mannheim

Podiumsdiskussion zur US-Wahl Mannheimer Historiker Ludovic Roy und IHK-Geschäftsführer Matthias Kruse im Gespräch

Podiumsdiskussion zur US-Wahl mit Historiker Roy und IHK-Chef Kruse

Archivartikel

Für Historiker ist Donald Trump ein Segen. „Wir werden noch Jahrzehnte zu tun haben, um seine Mitteilungen auf Twitter zu sichten und zu bewerten“, sagt der Mannheimer Historiker Ludovic Roy. Womöglich kommen noch weitere Tweets dazu –dann nämlich, wenn Trump am 3. November wiedergewählt wird und für weitere vier Jahre im Amt des Präsidenten der USA bleibt. Zwar liegt sein Herausforderer von den Demokraten, Polit-Veteran Joe Biden, derzeit in Umfragen vorn. Doch noch sind es vier Wochen bis zur US-Wahl. Überhaupt hat Trump bereits Zweifel geweckt, dass er im Falle einer Niederlage das Weiße Haus friedlich räumen wird. „Wir müssen abwarten, was passiert“, ließ er wissen. Darauf ist in der Tat die halbe Welt gespannt, denn wer in Washington das Sagen hat, beeinflusst auch das politische und wirtschaftliche Handeln in den Nachbarländern, China, der EU, Deutschland.

Welche Folgen der Ausgang der US-Wahl hat, darüber diskutieren Ludovic Roy und Matthias Kruse, Geschäftsführer der IHK Rhein-Neckar, am Montag, 19. Oktober, von 18.30 bis 20 Uhr im MM-Stadtgespräch. Die Veranstaltung ist eine Kooperation zwischen „Mannheimer Morgen“ und Abendakademie; diskutiert wird in der Abendakademie – und live auf mannheimer-morgen.de.

Die Wirtschaft wünscht sich am Wahltag vor allem ein klares Ergebnis. „Wenn es einen Machtwechsel gibt, müssen mindestens 4000 Stellen in der Administration neu besetzt werden. Je früher dies geschieht, desto früher können auch Gespräche aufgenommen werden, um die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen gemeinsam neu zu gestalten“, sagt Kruse. Bleibt jedoch lange unklar, wer regiert, hängen die Firmen in der Schwebe. An gewisse Unsicherheiten habe sich die Wirtschaft unter Trump indes gewöhnt. Auf der Haben-Seite der vergangenen vier Jahre stehen laut Kruse die Steuersenkungen, die die Kaufkraft und damit die Nachfrage gestärkt haben. Und davon profitiert auch Deutschland, das viele Güter in die nach wie vor größte Volkswirtschaft der Welt exportiert. Gleichzeitig bekommen deutsche Firmen immer mehr Markteintrittshürden zu spüren, beispielsweise den Slogan „Buy American“, der zum Kauf von in den USA hergestellten Produkten auffordert.

„Der Marktzugang ist deutlich schwieriger geworden“, betont Kruse. Produzenten in den USA seien zunehmend im Vorteil. Hinzu kommen Trumps Unberechenbarkeiten, seine wirtschaftspolitischen Alleingänge an Regeln des Welthandels vorbei, die Androhung von Strafzöllen. Am Ende sei aber nicht allein entscheidend, wer im Weißen Haus regiert.

Gräben überwinden

Schon jetzt eine Bilanz der ersten (und vielleicht einzigen) Trump-Präsidentschaft zu ziehen, hält Historiker Roy für verfrüht. „Geschichte entsteht erst in der Zukunft.“ Wie künftige Generationen den 45. Präsidenten von Amerika beurteilen werden, müsse sich zeigen. Was also bleibt von Trump? Sein größtes Erbe dürften die auf Lebenszeit ernannten Richter sein. „Mehr als 200 konservative, weiße Bundesrichter wurden von Trump berufen. Die werden die USA noch lange nach seiner Amtszeit prägen.“ Auch das politische Washington hat sich verändert. „Trump hat die Republikaner platt gemacht, wer sich gegen ihn ausspricht, riskiert mit einem Tweet das Ende der eigenen Karriere. So gibt es nur noch wenige in der Partei, die gegen ihn etwas sagen.“ Gleichwohl betont Roy, dass die Spaltung in Politik und Gesellschaft lange vor Trump begonnen habe.

„Die Spaltung ist ein den USA innewohnendes Phänomen, sie beginnt kurz nach der Gründung des Landes, als rasch Interessensgegensätze offenbar werden zwischen denen, die einen starken Zentralstaat wollen, und anderen, die die Macht bei den einzelnen Bundesstaaten sehen.“ Dieser Konflikt hält bis heute an. Auch der allgegenwärtige Rassismus habe, so Roy, seinen Ursprung vor 250 Jahren. „Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 sichert in ihrer Kernbotschaft zu ,All men are created equal’, alle Menschen sind gleich. Unterschrieben wurde sie von Leuten wie Thomas Jefferson, der selbst Sklaven besaß. Er wusste um den fatalen Widerspruch, der wird erst langsam überwinden.“

>> Übersicht: Richter am Obersten Gerichtshof der USA

Eigentlich sei es Aufgabe eines Präsidenten, Gräben zu überwinden, sagt Roy. „Das hat Trump nicht getan, denn er hat erkannt, dass er durch Spaltung gewinnen kann. Deswegen macht er weiter.“

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