Mannheim

Rätsel an Weihnachten

Es ist die Jahreszeit, in der die Sonne früher untergeht, die Stadt jedoch heller strahlt als je zuvor. Schließlich hat sich die Innenstadt ihr schönstes glitzerndes Gewand angezogen. Von den Spekulatiuskeksen und Schokoladennikoläusen in den Supermärkten bis hin zu den geschmückten Häusern und dem großen Markt am Wasserturm in Mannheim. Im Radio erklingen nur noch Lieder mit Glöckchengeklingel im Hintergrund. All diese Dinge können nur eines bedeuten: Die Advents- und Weihnachtszeit ist da!

Welches Alter, welche Sprache, welche Religion, welcher kulturelle Hintergrund – das ist ganz und gar Nebensache. Die Weihnachtsatmosphäre kann jeder und jede spüren. Und man kann sich ihr nur schwer entziehen. Der Dezember tickt anders als andere Monate. Schon in der Grundschule habe ich mich besonders darauf gefreut, wenn jede Woche eine Adventskerze angezündet wurde und die Lehrerin eine neue Geschichte vorlas, die vom Weihnachtszauber erzählte.

Nach dem vierten Advent jedoch waren die Schultore geschlossen. Jeder ging seinen Weg. Eine verzierte Kugel wurde uns zum Abschied vor Beginn der Ferien mitgegeben, damit sie unseren eigenen kleinen Tannenbaum verschönern kann. Ein Geschenk der Klassenlehrerin. Doch wo hängt man denn so eine Kugel auf, wenn man kein Weihnachten feiert? Als muslimisches Kind fühlte ich mich da außen vor. Ich hatte wie alle meine Freunde einen Adventskalender mit Schokolade von meiner Mutter bekommen, und ich kämpfte jeden Tag damit, nicht alles sofort zu essen.

Doch eine Frage blieb seit meiner Kindheit bis heute ungeklärt: „Wie sieht denn wohl so ein vollgeschmückter Christbaum im Wohnzimmer aus?“ Ich habe da einige Fantasien. Christbäume stehen ja überall. Aber in einer Wohnung habe ich noch nie einen gesehen. Obwohl ich viele christliche Freunde habe, wurde ich über Weihnachten noch nie zu ihnen nach Hause eingeladen. Es ist eben ein Familienfest.

Mehr Zeit füreinander

Zwar konnte ich die glänzende Kugel damals nicht aufhängen. Und besondere Geschenke gab und gibt es für mich nicht. Meine Eltern sind aber an den Feiertagen den ganzen Tag zu Hause, und die Kälte draußen versammelt die Leute in ihren vier Wänden. Es ist wie eine angenehme Pause zum Ende des Jahres. Man lädt Familie und Freunde zu sich ein. Man sitzt zusammen, man isst und trinkt, man lacht und weint. Das finde ich als Muslim auch sehr schön. Wir haben mehr Zeit als sonst füreinander. Ist das nicht die wahre Essenz der Adventszeit?

Und wenn ich mit meinen Liebsten versammelt bin und es draußen stürmt, regnet oder schneit, da vermisse ich am meisten die zurückliegende Fastenzeit. Mir kommt der Ramadan in den Sinn. Da hänge ich bunte Lichter auf, und die Stimmung in unserem Haus verwandelt sich. Der Advent und der Ramadan sind beides Fastenmonate. Sie stärken unsere Bindung; die Bindung der Menschen untereinander und die Bindung der Menschen zu Gott, zum Herrn der Welten.

Öffnen Sie ihr Herz für Gott. Laden Sie Gott zu sich ein und vergessen Sie nicht, auch Ihre Nachbarn einzuladen, um ihnen den schön geschmückten Christbaum zu zeigen.

Ugur Yilmaz, Vorstandsvor-

sitzender der Muslimischen

Jugend Mannheim

Jochen Winter, Flüchtlings-

seelsorger kath. Kirche

DITIBHeidelberg / Mannheim