Mannheim

„Blattkritik von außen“ Der Enjoy-Jazz-Leiter bewertet die Mittwochausgabe des „MM“ / Er empfiehlt, die Verbindung zwischen lokalem und internationalem Geschehen mehr herauszustellen

Rainer Kern liebt jede Zeile über die Adler

Archivartikel

Mannheim.Für den „Mannheimer Morgen“ sei er sogar als Jugendlicher früh morgens vom vierten Stockwerk runter zum Briefkasten gelaufen, erzählt Rainer Kern. Der Programmmacher von Enjoy Jazz, dem größten Festival dieses Genres in Europa, prägt seit mehr als zwei Jahrzehnten das Kulturleben der Metropolregion. Er war verantwortlich für das Kulturprogramm zum Mannheimer Stadtjubiläum 2007 und die erfolgreiche Bewerbung der Quadratestadt als „Unesco City of Music“. Am Mittwochmorgen schlüpfte Kern zudem in die Rolle des Kritikers, um bei der „Blattkritik von außen“ die aktuelle Ausgabe dieser Zeitung zu bewerten.

Zuletzt kamen unter anderem BASF-Vorstand Michael Heinz und SVW-Präsident Bernd Beetz für diese Aktion in die Redaktion des „MM“. „Ich will keine heile Welt vorgaukeln“, sagte Kern bei einem Interview mit dieser Zeitung im Jahr 2016. Und auch bei der „Blattkritik von außen“ soll er schonungslos präsentieren, was ihm beim Durchblättern der Ausgabe aufgefallen ist.

Lob für die Kultur-Seiten

Seit über 40 Jahren ist Kern, 1965 in Mannheim geboren, ein treuer Leser und von Beginn an Fan der detailreichen Sportberichterstattung über die Adler Mannheim, die vor 1994 noch MERC (Mannheimer Eishockey und Rollschuhclub) hießen. Er freut sich über tolle Eishockey-Bilder und über den großen Platz, den die Adler im Sportteil einnehmen. „Zu viel Platz?“, fragt „MM“-Chefredakteur Karsten Kammholz. Das verneint der stolze Besitzer aller Autogramme des ersten Meisterschaftsteams. Mittlerweile startet Kern beim Lesen nicht mehr beim Sport, sondern auf der Titelseite – mit dem „Blick in die Welt“, wie er sagt – und springt dann auf die Kultur-Seiten. „Diese tragen sehr viel zum guten Ruf der Zeitung bei“, sagt der Enjoy-Jazz-Leiter.

Es sei gut und wichtig, dass lokales und internationales Kulturgeschehen miteinander in Verbindung gebracht werden. Diese „Verwebung“ von lokalem, regionalem und internationalem Geschehen komme in manchen Teilen der Zeitung zu kurz. Vor allem im Wirtschaftsressort, das ebenfalls einen guten Ruf habe, sollten Vorgänge, die auch internationale Bedeutung haben, mehr herausgestellt werden.

„Viele sagen ja, dass Leser aufgrund des Internets nicht mehr länger als drei Minuten auf Texten verweilen. Ich glaube das nicht, und diese Redaktion anscheinend auch nicht“, sagt der Enjoy-Jazz-Chef und lacht. Er lobt die tägliche Seite 3, denn manche Themen seien eben intensiver und bräuchten mehr Platz, um aufgearbeitet zu werden. Für zukünftige Berichterstattung wünscht sich Kern mehr Relation zu Städten in gleicher Größe. Wie funktionieren Projekte dort und wie hier in Mannheim. „Wir Mannheimer neigen gern zu Extremen. Entweder ist etwas so gut wie in New York oder absolut schlecht“, sagt er. Außerdem stellt er die Frage zur Diskussion, ob „Gendern“, also geschlechtergerechte Sprache, nicht auch in Zeitungen mittlerweile notwendig sei. Was Kern im „MM“ nicht missen will, sind die Stadtteil-Seiten. „Sie zeigen unsere Vielfalt, und die jeweiligen Stadtteile sind den Mannheimern sehr wichtig“, sagt Kern.

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