Mannheim

„Blattkritik von außen“ Der Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit, Andreas Meyer-Lindenberg, lobt den „Mannheimer Morgen“ und bemängelt einiges

"Regionales auf hohem Niveau"

Archivartikel

Mannheim.Die gedruckte Zeitung? War nie so sein Ding. Aber seit man sie auch elektronisch auf Tablets und Smartphones lesen kann, ist Professor Andreas Meyer-Lindenberg (52) begeisterter Leser. Vor allem des „Mannheimer Morgen“ mit seiner digitalen Ausgabe: „Eine wichtige Sache, auch für meine Arbeit, ist eine regionale Berichterstattung auf hohem Niveau“, sagt der Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim Gast bei der „Blattkritik von außen“ - einer Aktion des „Mannheimer Morgen“. Seit Anfang 2015 besprechen Prominente aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport alle drei Monate die Zeitung in der Redaktion. Dieses Mal mit dabei: Leser Stefan Vogt aus Mannheim.

Flüchtlinge wichtiges Thema

Wichtig und richtig findet der vielfach ausgezeichnete Psychiater Meyer-Lindenberg die Gewichtung der Themen. Dass es die Diskussion über das Coleman-Gelände als neues Ankunftszentrum für Flüchtlinge auf die Titelseite geschafft hat, lobt Meyer-Lindenberg. Das ZI habe Flüchtlinge als Patienten, entsprechend wertvoll sei eine Berichterstattung in dieser Form für ihn. „Das bekomme ich sonst nirgendwo anders.“

Die Meldung auf dem Titelblatt über die Unzufriedenheit von Patienten bei der Arztwahl - auch eine gute Entscheidung der Redaktion. Unzufrieden war er dagegen mit dem Kommentar „Digitaler Notfall“. Viel zu spät sei der Redakteur Alexander Jungert auf den Kern des Problems eingegangen. „Zwar interessant, aber nicht am Thema“, bemängelt Meyer-Lindenberg. Auch sonst spart der Psychiater nicht mit Kritik. Wenn man - wie im Politikteil geschehen - über die Anwesenheit des Altkanzlers Gerhard Schröder bei der Vereidigung Wladimir Putins berichtet, dann gehöre dazu eine kritische Einordnung.

Und wenn man auf dem Titelblatt die Schlagzeile „Warnung vor Sklaverei“ platziere, müsse man diese auch mit den entsprechenden Daten unterfüttern. Diese habe der Wissenschaftler im zugehörigen Bericht im Wirtschaftsteil aber vergeblich gesucht. „Ob Zwangsarbeit tatsächlich zunimmt, wird in dem Artikel nicht ganz klar“, so Meyer-Lindenberg. Die lokale Berichterstattung - gut recherchierte Geschichten aus und über die Region - das seien Stärken des „Mannheimer Morgen“. „Das sollten Sie unbedingt so weitermachen“, sagt der gebürtige Bonner zu den Redakteuren. Klar, weltpolitische Themen seien zwar interessant, aber: „Die lese ich eben auch anderswo.“

„Absolut gar kein Interesse“ hat der Wissenschaftler an Sport. Hier jedoch, hat der Leser Stefan Vogt eine klare Meinung. „Der Sportteil ist voll von ausführlichen Berichten“, sagt der Waldhof-Fan. Die Berichterstattung über das Fachgebiet Meyer-Lindenberg - der Psychiater befasst sich vor allem mit Depression und Schizophrenie - lasse bei vielen Medien zu wünschen übrig.

Stigmatisierung der Kranken

Aus einer psychischen Erkrankung würde schnell eine Sensation gemacht, eine Depression schnell zu einer Ursache für ein Gewaltverbrechen. Da herrsche eine Stigmatisierung psychisch Kranker, die falsch sei. „Dazu leisten Medien ihren Beitrag“, sagt Meyer-Lindenberg. Auch der „Mannheimer Morgen“ könne sich davon nicht völlig ausnehmen. Nach der Blattkritik ist das Interesse an Meyer-Lindenbergs Einschätzung zum Geschehen in Deutschland und der Welt groß. Wie betrachtet der Psychiater etwa die These, der Präsident der USA, Donald Trump, leide an einer psychischen Störung? „Die meisten Experten zweifeln daran.“ Aber auch diese Diskussion sei ein Beispiel für die Stigmatisierung psychischer Leiden. Denn: „Nur, weil jemand eine psychische Erkrankung hat, muss er nicht unfähig sein, sein Amt richtig auszuführen.“

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