Mannheim

Religion zur Primetime

Neulich auf Vox: „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ am 18. Juni 2019. Sechs Musiker, unter anderem Johannes Oerding, Jeanette Biedermann, Wincent Weiss. Sie covern je ein Lied von Michael Patrick Kelly. Der war früher in der Kelly Family, lebte dann für sechs Jahre im Kloster und tritt seit 2011 als Solokünstler auf. Normalerweise drehen sich die Gespräche der Musiker beim „Tauschkonzert“ um genau ein Thema: Wie wundervoll und unfassbar erfolgreich und krass emotional sie doch alle sind. Es ist eine riesige Ego-Show. Dass hier jemand über Sünde spricht, hätte ich nicht erwartet. Denn das ist schon eine Zumutung in Zeiten der Selbstpräsentation, dass ich laut Heidelberger Katechismus als Christ zunächst erkennen muss, „wie groß meine Sünde und Elend ist“. Was ist denn „Sünde“? Ausgerechnet auf Vox wurde es wunderbar umschrieben. Oerding: „Du hast tatsächlich, bevor du ins Kloster gegangen bist, dein komplettes Vermögen abgegeben. Das musst du mir erklären!“ Kelly: Es gibt so‘n Satz von Jesus, wo er sagt: ,Wer sich verliert, wird sich finden.’ Und ich wollte mich wirklich finden als Mensch und bin dann ins Kloster gegangen und hab gesagt: ,So, jetzt verlier ich alles.’ Also, meine Kreditkarte, meine Gitarre, meine Familie, meine Beziehungen, also richtig komplett. Dazu gehört ein gewisses Sterben des alten Menschen.“ Oerding: „Viele Menschen würden sowas wahrscheinlich an die große Glocke hängen. Das machst du nicht. Und das ist Michael Patrick Kelly. Das find ich großartig.“

Kelly antwortete daraufhin: „Johannes, leb mal drei Tage mit mir, dann weißt du, wer ich bin. Das ist nicht immer alles so toll. Also auf der Bühne, da bin ich vielleicht mein bestes Ich. Aber es gibt auch ein Arschloch in mir.“ Dann schaltet sich Biedermann ein: „Was macht denn das? Lässt es seine Socken rumliegen?“ Auch Weiss reagiert: „Ich kann mir das Arschloch Michael Patrick Kelly irgendwie nicht so richtig vorstellen.“ Kelly: „Doch, doch, doch. Ich bin… ich bin… ich bin ein Mensch wie jeder andere. Also, ich hab Schwächen, ich mache Fehler, ich hab Menschen verletzt, ich hab mich selber verletzt. Ich hab wahrscheinlich alle zehn Gebote hunderte Male gebrochen. Aber darum geht‘s nicht. Es geht um dieses nochmal Aufstehen, jedes Mal, wenn man auf die Nase fliegt und – aufgenommen werden.“

Sünde gehört zum Menschsein

Vielleicht ist es kein Zufall, dass es im „Tauschkonzert“ um Sünde ging. In einem fort klopfen sich die Stars dort auf die Schultern und die Künstlerseelen und versichern einander, „unfassbar gut“ zu sein. Vielleicht muss erst so viel Lob und Anerkennung erklingen, bis das andere ausgehalten werden kann: dass wir als Menschen immer ein Arschloch in uns haben. Kelly ist nicht deshalb ein Sünder, weil er seine Socken herumliegen lässt. Sondern weil er ein Mensch ist.

Zum Menschsein gehören immer auch Verletzungen und Enttäuschungen dazu. Nichts, was wir so leisten, kann uns davon erlösen. Ich wünsche mir einen wie Kelly für jede Fernsehshow auf Vox, wo Menschen um die Wette heiraten, Kinder erziehen, shoppen, sich bewerten, vergleichen, einander perfektionieren. Denn darum geht es nicht. Nicht um das perfekte Dinner oder das perfekte Leben. Es geht um dieses nochmal Aufstehen, jedes Mal, wenn man auf die Nase fliegt und – aufgenommen werden von Gott.

Anna Maria , Pfarrerin, Petrusgemeinde Mannheim Wallstadt Baltes