Mannheim

Schenke uns Licht!

Noch nie habe ich mich so nach der Adventszeit gesehnt, wie dieses Jahr. Ich spüre diesen depressiven Schleier, diese Müdigkeit ob der andauernden Ungewissheit und Vorläufigkeit von Allem.

Zu meinen liebsten Tätigkeiten zählt das Planen von Urlauben. Normalerweise würde ich jetzt, im November, schon genau wissen und mich daran freuen, wo ich Fasching, die Pfingstferien, die letzten Augusttage und vielleicht sogar manche Ferientage im übernächsten Jahr verbringe. Aber es heißt jetzt immer wieder: „Abwarten! Abwarten, wie das mit Corona wird.“

Eines Morgens habe ich eine E-Mail bekommen, in der mir jemand vorrechnet, wie lange es bei den vorhandenen klinischen Kapazitäten dauern könnte, bis unsere komplette Bevölkerung durchgeimpft ist. Demnach würde ich im günstigsten Fall noch zwei bis drei Jahre mit Maske und Kontaktbeschränkungen leben müssen.

Tod und Trauer ist jetzt

Innerlich stemmt sich dem alles entgegen: Ich will mir das nicht vorstellen! Dass ich meinen Geburtstag dieser Tage noch nicht mal im engsten Familienkreis feiern kann, das kann ich ganz gut verkraften. Geburtstag ist jedes Jahr. War schon oft und kommt noch oft. Doch mit der Trauerfeier in der Familie ist das schon anders. Tod und Trauer – das ist einmalig. Das ist jetzt. Das lässt sich nicht auf später verschieben oder nachholen.

Da sind dann noch die Existenzängste im Bekanntenkreis, verzweifelte Einsamkeit von Älteren, das Wissen über völlig überlastete Pflegekräfte und auch die unüberhörbare Wut und Ohnmacht derer, die mit den Schutzverordnungen und den staatlichen Eingriffen in das eigene Leben nicht einverstanden sind.

Ja, ich sehne mich nach der Adventszeit. Ich sehne mich nach den biblischen Hoffnungstexten, die seit vielen Generationen Licht und Zuversicht verbreiten: „Sieh dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Da werden Brunnen und Quellen mitten in der Wüste gefunden. Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen wird das Evangelium gepredigt. Frieden wird verheißen. Da sind Worte und Bilder voll Kraft und einer festen Gewissheit: Das Helle ist stärker als das Dunkle. Das Gute ist mächtiger als das Böse.

Kleine Kerze, enorme Kraft

„Mache dich auf und werde Licht“ – das wird gesungen werden. Danach sehne ich mich. Wenn Sicherheiten fehlen, dann braucht es Gewissheiten: Das Gute, es ist da und wirkt. Ich kann das Gute in mir finden. Ich kann es dann wohl auch in meinem Nächsten finden. Man kann nur Gutes tun, wenn man an das Gute glaubt. Man kann nur Gutes sehen, wenn man mit dem Guten rechnet. Im Dunkeln sieht man meist nur schwarz.

Ich sehne mich nach den Kerzen und Lichtern. Und ich vertraue darauf, dass die Adventslichter ihren Weg zu meiner Seele finden. Eine erstaunliche Erfahrung: Sogar in einem großen dunklen Raum entfaltet eine kleine Kerze eine enorme Kraft. Das wünsche ich mir: Dass Gottes Licht in all die Ungewissheit und Angst, in all die Verzweiflung, Trauer und Wut, in all die Widersprüchlichkeiten dieser Wochen und Monate fällt. Und uns das Gute und Helle in uns finden lässt. Auf dass dieses Gute und Helle uns aufrichtet, leuchtet und strahlt.

Lieber Gott – schenk uns Licht!

Ralph Hartmann

Dekan der Evangelischen

Kirche Mannheim

Zum Thema