Mannheim

Landgericht Nach schwerem Angriff an einer Bushaltestelle sagt das Opfer vor Gericht aus

„Schläge von allen Seiten“

Er hätte tödlich enden können. Der brutale Angriff auf einen jungen Inder im April dieses Jahres sei gerade noch glimpflich verlaufen. Keine Verletzung der inneren Organe, keine Hirnschädigungen. „Abstrakte Lebensgefahr“, so nennt es die Rechtsmedizinerin, die das Opfer nach der Attacke untersuchte und die Verletzungen protokollierte.

Gestern berichtet die Ärztin vor Gericht von ihren Erkenntnissen in diesem Fall. Sie zeigt auf Röntgenbildern die Stichwunde in der Flanke, erläutert die „massiven Verletzungen“ am Kopf. Scheinbar unbeeindruckt folgen die vier wegen Totschlags angeklagten jungen Männer aus Pakistan den Ausführungen. Sie sind diejenigen, die laut Staatsanwaltschaft für die Tat und ihre Folgen verantwortlich sein sollen.

Nur eine Ohrfeige?

Einer von ihnen, der Hauptangeklagte, hatte bei Prozessbeginn den Übergriff auf den Mann zugegeben. Er habe ihm eine Ohrfeige verpasst, erklärte er. Mehr aber auch nicht. Der Zweite aus dem Quartett bestätigte diese Aussage. Niemand sonst etwas getan. Die beiden anderen äußerten sich bisher nicht zur Sache. Ob sich das Opfer die Stichverletzung möglicherweise auch selbst zugefügt haben könnte, vielleicht bei einem Sturz, möchte der Verteidiger des Hauptangeklagten von der Rechtsmedizinerin wissen. „Unwahrscheinlich“, antwortet sie.

Wie zog sich der junge Inder aber dann die Stichverletzung zu? Und wie kann es nach nur einer Ohrfeige zu solch massiven Prellungen und Einblutungen am Kopf kommen? Richter Gerd Rackwitz ruft das Opfer selbst in den Zeugenstand. Der junge Mann berichtet, wie er im April mit einem Kumpel in der Straßenbahn unterwegs war.

An einer Haltestelle, deren Namen er nicht mehr weiß, seien sie ausgestiegen, weil sie rauchen wollten. „Mein Freund telefonierte, ich setzte mich ins Wartehäuschen.“ Plötzlich habe sich eine Gruppe mit jungen Leuten genähert. Einer habe noch auf Englisch gefragt, was er da mache. „Ich sagte, dass ich rauche“, berichtet der Zeuge, „dann sind sie plötzlich auf mich losgegangen.“

„Alle auf einmal?“, der Vorsitzende hakt nach. „Ja“, sagt der Zeuge, „es kamen Schläge von allen Seiten.“ Plötzlich habe einer von ihnen einen spitzen Gegenstand in der Hand gehalten. Was es genau war, wisse er nicht. Denn in diesem Moment sei er bewusstlos geworden und auf den Boden gefallen, so der Zeuge. Wenige Minuten später habe er sich in eine anhaltende Straßenbahn geschleppt, allein – ohne seinen Freund.

„Dass ich an der Flanke blutete, hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht bemerkt“, erklärt der Mann. Weil Zeugen die Polizei alarmiert hatten, wurde der Verletzte schließlich wenige Haltestellen später von Polizisten empfangen und in ein Krankenhaus gebracht. Heute – sieben Monate nach der Tat – ginge es ihm wieder „okay“, sagt der Mann. Nur ab und zu habe er noch Schmerzen.

Viele Puzzleteile kommen bei diesem Prozess auf den Tisch, doch nichts will zusammenpassen. Die verschiedenen Aussagen ergeben kein Bild. Am Dienstag, 13. November, wird der Freund des Opfers, der ebenfalls an der Haltestelle ausgestiegen war, befragt. Für Ende November wird das Urteil erwartet.