Mannheim

Im Gespräch Besuch der Nachkommen jüdischer Mäzene / Enkel von Richard Lenel dankt für Präsentation und interessiert sich für „Schildkröt“-Fabrik

„Schön, dass mein Großvater nicht vergessen ist“

Archivartikel

Das Ehepaar Aberle hat mit seiner Stiftung 1905 die Errichtung des Jugendstilbaus überhaupt erst ermöglicht. Viele weitere jüdische Familien sind mit Schenkungen von Gemälden von Beginn an wichtige Unterstützer der Kunsthalle, auch über die Verfolgung durch die Nationalsozialisten hinaus. Das würdigt sie nicht nur in der Ausstellung „(Wieder-)Entdecken – Die Kunsthalle 1933 bis 1945 und die Folgen“, zur Eröffnung waren auch mehrere Nachkommen jüdischer Familien eingeladen – darunter Beat Lenel, der Enkel von Milly und Richard Lenel.

„Eine schöne Geste“, findet er. Alfred Lenel (1841-1918) gehört zu den Gründern der „Rheinischen Hartgummi-Waaren-Fabrik“, später „Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik“ in Neckarau, bekannt unter dem Namen „Schildkröt“ für die Fertigung von Puppenköpfen und Tischtennisbällen. Richard Lenel (1869-1950), ab 1920 Präsident der Handelskammer und im Bürgerausschuss, kann in letzter Minute vor den Nationalsozialisten nach London fliehen, kehrt aber 1949 zurück. Er wird zum Ehrenbürger und IHK-Ehrenpräsidenten ernannt, schenkt der Kunsthalle zwei Gemälde.

Per Motorrad nach Mannheim

Beat Lenel lebt heute in der Schweiz, arbeitet als Rechtsanwalt und ist auf Markenrecht spezialisiert. 1960 geboren, hat er seinen in Mannheim so bekannten Großvater nicht mehr kennengelernt. Verwandtschaft gibt es keine mehr in Mannheim und der Region.

Aber alle paar Jahre kommt er nach Mannheim. Dann geht er auf den Jüdischen Friedhof und legt, wie es Tradition ist, einen Stein auf das Grabmal der Vorfahren. Zudem fährt er in die Maximilianstraße 10 – dorthin, wo heute Südzucker ist und einst das Haus der Familie Lenel stand, an das noch immer ein Sandsteinpfeiler erinnert. Meist kommt Beat Lenel dann mit dem Motorrad aus der Schweiz, übernachtet in der Jugendherberge auf dem Lindenhof. Nur diesmal schlief er im Maritim – damit direkt neben der Kunsthalle.

Der Neubau gefällt ihm, so Beat Lenel: „Er ist sehr gut zusammengefügt mit dem alten Gebäude“, lobt der Jurist. Es sei bedeutende Kunst zu sehen, ansprechend präsentiert, aber besonders interessierte ihn natürlich die Sonderausstellung zur NS-Raubkunst, zur Provenienzforschung und den jüdischen Familien Bensinger, Falk, Herbst/Landmann, Lenel sowie Newman/Tannenbaum, die mit ihrem Schicksal beispielhaft für eine ganze Reihe jüdischer Mäzene stehen.

„Schön, dass mein Großvater nicht vergessen ist, das freut und ehrt mich sehr “, sagt Lenel gerührt. Mehr Zeit, in Mannheim etwas anzuschauen, habe er leider nicht – er müsse wieder zurück in die Schweiz.

Dabei interessiere er sich schon für die Spuren seiner Großeltern. „Ich denke immer an den Großvater, wenn ich Tischtennisbälle sehe, auf denen das Schildkröt-Emblem ist“, so Lenel. Doch die im Volksmund „Gummi“ oder „Knall“ genannte Fabrik, mit 6000 Beschäftigten einst der größte Arbeitgeber in Neckarau, gibt es schon lange nicht mehr.

Buch über die Puppen

„Da haben mehrfach die Anteile gewechselt, sie ist immer wieder verkauft worden“, bedauert Lenel. Puppen werden bereits seit 1975 nicht mehr in Mannheim hergestellt, die Tischtennisbälle mit dem Emblem kommen aus China. „Dabei würde ich so gerne mehr zu der Fabrik erfahren“, sagt Beat Lenel.

Auf Vermittlung des „MM“ bringt Verlegerin Barbara Waldkirch ihm daher schnell ein Exemplar des bei ihr 2012 erschienenen Bildbands über die Geschichte der „Schildkröt“-Puppen und der Firma – was ihn sehr freut.

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