Mannheim

Schrecken ins Gesicht geschrieben

Es ist geradezu ein Sinnbild für den Schrecken des Luftkrieges, als solches in vielen Schulbüchern und historischen Werken verewigt, nicht zuletzt 1993 auf der Titelseite des Stadtarchiv-Bildbandes über „Mannheim im Zweiten Weltkrieg“. Jahrzehntelang wird das Motiv Mannheim zugeordnet, und erst 2002 wird klar: Es entstand mit großer Wahrscheinlichkeit in Düsseldorf.

Warum das Foto so berühmt ist, das erschließt sich dem Betrachter bereits auf den ersten Blick. Der Frau, die von zwei Männern gestützt wird, steht der Schrecken über das gerade Erlebte ins Gesicht geschrieben. Das Kleinkind, das ebenfalls gerettet wird, verstärkt nur noch den Eindruck, den das Bild hinterlässt.

Dass ein Junge in Uniform den Bombenopfern hilft, das macht dieses Motiv in den Augen des NS-Regimes wiederum „propagandatauglich“. Erstmals überliefert ist sein Erscheinen im November 1944 im „Signal Express“, der „Zeitschrift für ein neues Europa“, mit der die Nazis im Ausland einen Kontinent unter ihrer Herrschaft propagieren. Die Bildunterschrift lautet entsprechend „Mannheim: Überlebende eines anglo-amerikanischen Luftangriffs 1944, Ullstein-Bilderdienst.“

Unter dieser Kennzeichnung hält das Werk Einzug in die historische Literatur. Im Vorfeld des 40. Jahrestags des Kriegsendes 1985 recherchiert das ZDF unter seinem Chefhistoriker Guido Knopp dessen Entstehung. Einige melden sich, die eine der gezeigten Personen sein wollen.

Dennoch stockt die Identifizierung. Problem ist weniger die Verifizierung des Datums, denn 1944 gab es in der Tat schwere Luftangriffe auf Mannheim. Unklar bleibt vielmehr der Ort des Geschehens, obwohl das Bild im Hintergrund prägnante Ornamente zeigt. Doch weder alteingesessene Monnemer noch Architekturkenner können sie einem Bauwerk der Quadratestadt zuordnen. „Die Zweifel wachsen, ob das berühmte Bild wirklich in Mannheim entstand“, endet 1994 ein Artikel von „MM“-Mitarbeiterin Illa Senk.

Ende 2002 jedoch wird das Haus wohl endlich gefunden – nicht in Mannheim, sondern in Düsseldorf. Als das Bild wieder einmal bundesweit erscheint, meldet sich eine Frau in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt. Sie identifiziert den Ort als Frankenstraße 28 im Stadtteil Derendorf und die Gerettete als eine Verwandte: Brunhilde Uhl, 2002 bereits 82 Jahre alt. 1944 ist Brunhilde Uhl eine junge Frau, die nach einem Angriff in der Nacht auf den 23. April 1944 gerettet wird, während 23 Mitbewohner umkommen – ihr Gesichtsausdruck spricht Bände über das Erlittene.

Der Zivilist links im Bild ist ihr Ehemann, auf seinem Arm die zweieinhalb Jahre alte Tochter, die ebenfalls gerettet wird. Wer jedoch rechts von ihr der junge Mann in Uniform ist, das bleibt ungeklärt. Doch in der Erinnerung der Beteiligten lebt der Helfer aus großer Not für immer fort.

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