Mannheim

Fridays for Future Wie durch einen Artikel des „Mannheimer Morgen“ deutschlandweit Druck auf die Stadt ausgeübt wurde

Schüler sollten wegen Demos zahlen – doch dann kamen die Medien

Archivartikel

Der Schock muss groß gewesen sein. Als der 14-jährige Schüler plötzlich Post vom Ordnungsamt bekam. Zweimal hatte er an Demonstrationen der „Fridays for Future“-Bewegung („FfF“) teilgenommen. Jeweils die fünfte und sechste Stunde. Seine Schule, das Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) auf der Vogelstang, hat darauf reagiert. Jetzt sollte er bestraft werden. Wegen des Fehlens am 24. Mai dieses Jahres kam der Bescheid. Mit dem 14-Jährigen, der anonym bleiben möchte, waren noch mindestens drei weitere Jugendliche des GSG betroffen. 88,50 Euro sollten sie zahlen. 60 Euro Geldbuße, 25 Euro Gebühr und 3,50 Euro Auslagen. Nachdem der „Mannheimer Morgen“ darüber berichtet hatte, wendete sich allerdings nach nur einem Tag das Blatt. Die Stadt ruderte zurück.

Und es war ein anonymer Brief, der den „MM“ erst dazu brachte, zu recherchieren. Selbst die Organisatoren der Mannheimer „FfF“-Gruppe wussten anfangs nichts von den Bußgeldbescheiden. Die Lokalredaktion hatte sie zunächst mit den Aussagen des Briefes konfrontiert. Die Fakten gecheckt also. Die Jugendlichen bestätigten den Eingang der Bußgeldbescheide über den Kurznachrichtendienst Whatsapp, nachdem sie selbst bei den Familien nachgefragt hatten. Dass das aber nun tatsächlich Fakt war, das musste erst noch von offizieller Seite bestätigt werden. Erst nachdem das Regierungspräsidium in Karlsruhe eine positive Rückmeldung gegeben hatte, konnte der „Mannheimer Morgen“ darüber berichten.

Nachricht schlug Wellen

Eine kurze Meldung gegen Mittag des 17. Juli – und die Nachricht schlug Wellen in ganz Deutschland. „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Bild“, „Spiegel“, „Zeit“ – sie alle berichteten sofort in ihrem Online-Auftritt über die Bußgelder. Die Mannheimer Schüler waren nämlich die ersten in Deutschland, die tatsächlich Strafe zahlen sollten. Auch internationale Medien, wie der englischsprachige Online-Dienst „The Local“, nahmen die Meldung mit auf und verbreiteten sie in verschiedene europäische Länder. Fernseh- und Radiosender berichteten darüber. Alle „FfF“-Befürworter waren schockiert. Einige Leser meldeten sich sogar beim „MM“, wollten das Bußgeld für die Schüler übernehmen. „Ich würde die vier von den Bußgeldern betroffenen Familien gerne unterstützen. Ich bin bereit dazu, die zirka 350 Euro komplett zu übernehmen. Mir liegt die Zukunft unserer Welt am Herzen, und ich unterstütze gerne die Schüler“, schrieb einer der Leser zum Beispiel.

Der nächste Tag. Der erste Schock war vorbei. Doch der „Mannheimer Morgen“ arbeitete noch weiter an der Geschichte. Denn noch nicht alles war auserzählt. Die Organisatoren der Mannheimer „FfF“-Gruppe hatten sich dazu bereiterklärt, dass sie ein Lokalreporter über den Tag hinweg begleiten durfte. Das Fazit: Sie waren überfordert. Plötzlich wollte jedes große Deutsche Medium ein Interview mit den Jugendlichen führen. Sie richteten eine Art Nachrichtenzentrale in einer Studenten-WG im Jungbusch ein. Von hier aus führten sie Interviews und planten nebenbei noch eine weitere Demonstration für den kommenden Freitag – hier wollten sie Spenden für die betroffenen Jugendlichen sammeln.

Und dann, ganz unerwartet, kam die Nachricht: Die Stadt Mannheim hob die Bußgelder gegen demonstrierende Schüler wieder auf. Der „MM“ überbrachte den Jugendlichen der Bewegung die Nachricht übers Telefon. Sie schrien, klatschten, jubelten – und lachten. Sie sahen dieses Bußgeld von Anfang an als „politisches Druckmittel“. Dass sie über die Medien selbst Druck ausüben konnten – das war für sie die Bestätigung.

300 Verfahren jährlich

Die Stadt argumentierte so: Man habe sich „nach einer umfassenden Prüfung dazu entschlossen“, die Bußgelder zurückzuziehen. Die Verwaltung habe die Bescheide „routinemäßig“ auf Initiative der Geschwister-Scholl-Schule verschickt. Die Verfahren seien „formal korrekt – aber nicht geboten“. Im Schnitt bearbeite die Stadt im Jahr ungefähr 300 Bußgeldverfahren wegen Schulschwänzern. „Aufgrund dieser Vielzahl sind auch diese Fälle zunächst routinemäßig bearbeitet worden. Hinzu kam, dass die Betroffenen nicht von ihrem Recht Gebrauch gemacht haben, sich zum Sachverhalt zu äußern“, schrieb die Stadt damals. Diese „Besonderheit“ war der Stadt schlicht und einfach nicht aufgefallen, sagte die Verwaltung. Mit der Aufhebung der Bescheide entfiel natürlich auch die Zahlungspflicht für die Schüler.

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