Mannheim

Schwäche zeigen?!

Man darf keine Schwäche zeigen. Oder doch? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei einigen öffentlichen Auftritten diesen Sommer gezittert. Und schon fragen sich Menschen: Ist sie jetzt angezählt? Weil sie nicht verbergen konnte, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist?

Kann man es sich leisten, Schwäche zu zeigen? Manche sagen: Bloß nicht! Nach außen hin muss du auf jeden Fall stark wirken. Du musst die Zähne zusammenbeißen. Sonst hast du verloren. Und natürlich keinen Fehler zugeben. Oder sich helfen lassen, jemanden um Rat fragen: alles ein Zeichen von Schwäche.

Bei Predigt eingeschlafen

Das ist nicht nur heute in unserer Leistungsgesellschaft so. Das war schon für den Apostel Paulus ein Thema. In einem Brief in der Bibel erzählt er davon (2. Korintherbrief, Kapitel 12). Er hatte eine christliche Gemeinde gegründet. Erst fanden ihn dort viele super. Aber mit der Zeit merkten sie: Der Mann zeigt Schwächen. Er ist wohl chronisch krank gewesen, das war ein Handicap. Kein kraftstrotzender Macher, der wirkt, als könne er Bäume ausreißen. Seine Reden waren auch nicht wirklich mitreißend. Einmal brach sich ein junger Mann fast das Genick, weil er bei einer Predigt von Paulus einschlief und umfiel. Kein gutes Zeichen für einen Redner . . .

Manche warfen Paulus seine Schwächen vor. Ich vermute, das hat ihn getroffen. Er hatte so viel für die Gemeinde getan, so viel Herzblut investiert. Doch dann, wohl nach einigen schlaflosen Nächten, antwortete er seinen Kritikern: „Ihr habt Recht. „Ich erlebe Zeiten, in denen nichts geht. Ich komme immer wieder an meine Grenzen. Und manchmal macht mir das zu schaffen.“

Das gehört zum Leben dazu

Paulus bestürmte Gott: Der sollte ihm mehr Kraft geben. Aber das tat Gott nicht. Und daraus lernte Paulus, dass Gott so zu ihm steht, wie er ist. Auch einer wie der Apostel Paulus darf scheitern und verletzlich sein. Und dass er an seinen Grenzen leidet, das gehört zum Leben dazu. Paulus hat diese Erkenntnis dabei geholfen, mit seinen Schwächen zu leben. Egal, was andere in solchen Momenten über ihn gedacht haben.

Ute Haizmann, evangelische Pfarrerin, Weinheim 

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