Mannheim

Segen geht anders

Ich hätte nicht gedacht, dass man, solange ich lebe, noch einmal gezielt gegen den Antisemitismus kämpfen muss!“ So äußerte sich vor kurzem ein engagierter Zeitgenosse, der das Trauma des Nationalsozialismus und seine Hinterlassenschaft der haptischen und psychischen Trümmerberge noch erlebte. Die Schwelle für antisemitische Äußerungen ist niedriger geworden. Der tätliche Angriff gegen einen jungen Mann mit Kippa in Berlin und die Verleihung des Echo-Preises an Rapper, die Holocaust-Opfer verhöhnen, rufen die Menschen auf den Plan.

Seelsorger bei den Menschen

Auf dem Hintergrund der nationalsozialistischen Epoche hat Deutschland allen Grund, sich gegen solche Tendenzen zu stellen. Doch der Kampf gegen den Antisemitismus darf nicht das Feigenblatt sein, mit dem der Blick auf ein noch größeres Problem verdeckt wird: Menschen werden in vielerlei Weise zum Ziel von Gewalt, Ausgrenzung, Sticheleien und Benachteiligung aufgrund ihrer religiösen Identität.

Dass Menschen wegen ihres Glaubens Gewalt oder Verfolgung erleiden müssen, ist nicht akzeptabel. Wenn dies geschieht, wird mit einem Begriff von Religion hantiert, der die Fähigkeit des Menschen ausblendet zu lernen, was für ein friedliches Miteinander unabdingbar ist. Was wäre das für ein erbärmlicher Gott, der Menschen bräuchte, die in seinem Namen andere schädigen?

Für Glaubensgemeinschaften sind glaubensfeindliche Tendenzen eine Anfrage, die sie nicht nur an die Politik und die Justiz weiterdelegieren dürfen. Es ist Aufgabe der staatlichen Organe für Sicherheit zu sorgen und Täter unschädlich zu machen. Seelsorger aber müssen das Ohr bei den Menschen haben, wahrnehmen und verstehen, was sich in der Gesellschaft tut. Aber nicht nur sie. Es ist Aufgabe aller Mitglieder von Religionsgemeinschaften sich zu fragen, was ihr Beitrag ist für ein friedliches Miteinander von Religionen und Kulturen.

Für Juden, Christen und Muslime ergibt sich ein starker Impuls aus dem Blick auf den Stammvater der Glaubenden, auf Abraham: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus. . . Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“(Gen. 12). Der Auftrag Gottes an Abraham scheint in die heutige Zeit hineingesprochen: Geh fort aus dem, was dir angestammt, vertraut und selbstverständlich ist. Glaube nicht, dass alles so bleiben muss, wie es bisher war. Du sollst und darfst groß werden und mächtig, aber du sollst ein Segen sein. Es geht nicht darum, nieder zu machen, sondern ums Aufblühen lassen. Eine eigene Identität auszuprägen ist wichtig, für ein Volk ebenso wie für Einzelne. Aber ebenso wichtig ist es zu begreifen, dass die eigene Existenz segensreich, d. h. nützlich und heilsam sein muss für andere.

Gesellschaftliche Spannungen

Die friedliche Koexistenz der Religionen wird durch Mobilität und die Bruchlinien, die aufgrund gesellschaftlicher Spannungen entstehen, leicht zerstört. Umso mehr ist es Aufgabe aller religiösen Menschen, die als solche in einer multikulturellen Gesellschaft ernst genommen werden wollen, dafür Sorge zu tragen, dass religiöse Zeichen nicht nur Ausdruck des eigenen Bekenntnisses sind, sondern gleichzeitig ein Plädoyer des Respekts und der Achtung für alle, die einen anderen Glauben haben. So gesehen ist religiöses Engagement ein Beitrag zu Humanität.

Theo Hipp, Pfarrer in St. Sebastian (Mannheim) am Marktplatz