Mannheim

Soziales Betroffene berichten nach Partnerschaften mit Narzissten von dem extremen Leben zwischen Verehrung und Verachtung

„Seine Augen waren plötzlich voller Hass“

Archivartikel

Sabine J. (Name von der Redaktion geändert) sitzt etwas angespannt auf dem Stuhl. Die junge Frau drückt ihre Hände, blickt starr über den Tisch. „Ich dachte wirklich, er wäre es wert, endlich eine neue Beziehung einzugehen.“ Dann schüttelt sie leicht den Kopf und korrigiert: „Am Anfang zumindest.“ Sabine, die nicht erkannt werden möchte – auch aus Angst –, war mit einem Mann zusammen, der zwischen den Extremen wandelt. „Monatelang hat er um mich geworben, mich auf ein Podest gehoben, alles für mich gemacht“, erzählt sie. Als sie dann nach einigem Zögern eine Beziehung mit ihm eingeht, dauert es nicht lange: Das Bild des Traummannes bröckelt wie alter Putz von der Wand. Die Fratze der Gewalt kommt zum Vorschein. „Geschlagen hat er mich nie“, sagt Sabine. Gebrochen ist die junge Frau allerdings schon – psychisch. Sie spricht von ständiger Kontrolle, von Isolation, von Hass, von seelischer Gewalt eines Narzissten. Ein Mensch, der sich nur mit sich selbst befasst und an anderen nicht interessiert ist.

Die Fratze der Gewalt

Viola K. (Name ebenfalls geändert) nickt – die ganze Zeit, während Sabine spricht. Sie hat „genau das Gleiche erlebt. 15 Jahre lang, unvorstellbar“, wundert sie sich selbst. „Ich habe so oft in dieser Partnerschaft meine Würde verloren“, sagt sie. „Immer, wenn es Streit gab, habe ich mir die Schuld gegeben.“ Heute weiß sie – nach Therapie und Beratung –, dass dies die Beziehung zu einem Narzissten ausmacht. „Ich habe mich ständig erniedrigt, habe A gemacht, wenn er A wollte, dann B getan, weil er seine Meinung änderte, und auch schließlich wieder zu A gewechselt, wenn er sich beschwerte“, beschreibt Sabine Situationen, die sie nie richtig einschätzte. „Ich konnte es nur falsch machen, habe aber immer mich selbst infrage gestellt.“ Für beide Frauen ist das alles jetzt, nach den Beziehungen, schwierig zu begreifen. Unwirklich, fast schon surreal fühle es sich an, darüber zu sprechen.

Er rief alle fünf Minuten an

Den Alltag bestimmen in dieser Zeit aber nicht nur Demütigungen, sondern auch die Kontrollen. „Wenn ich mit Freundinnen ausging, musste ich ständig Fotos von uns, von unserem Essen, von dem Lokal machen und ihm schicken. Er rief alle fünf Minuten an, stellte gezielte Nachfragen, ob das Foto auch wirklich gerade aufgenommen wurde und nicht vor einer Stunde. Er musste alles im Detail wissen“, erzählt Viola. Irgendwann schreibt er gezielt mit ihren Freundinnen übers Handy, horcht diese aus – und trifft sich auch mit ihnen, fängt Affären an. „So hat er mir fast alle meine Freundinnen genommen – und mir am Ende die Schuld gegeben: ,Wenn du mir das geben würdest, was ich brauche, würde ich keinen Sex mit anderen haben!’ Das waren immer seine Worte.“

Eine Meinung sollen beide Frauen nicht haben. „Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne, ich habe nur funktioniert“, erzählt Viola. Und wenn sie das mal nicht tut, „wurde ich zurechtgestutzt, klein gemacht. Einmal hat er mich im Winter stundenlang auf den Balkon gesperrt. Schläge waren fast schon Normalität.“ Bei der jungen Frau kommt es immer wieder auch zu körperlicher Gewalt. In den 15 Jahren „ständig“ – anders als bei Sabine, Prügel gibt es in der Partnerschaft nicht. Aber die Betroffenen berichten beide von dem gleichen Muster, wenn es zum Streit kommt. „Seine Augen“, Viola setzt an – „ja, die Augen“, wiederholt Sabine. „Die sprachen Bände, plötzlich von jetzt auf gleich waren sie so böse, so dunkel, die Adern knallrot, seine Augen waren plötzlich voller Hass. Ich habe ihn nicht wiedererkannt.“ Von Liebe keine Spur. Generell fällt Viola ein vernichtendes Urteil über ihren Ex-Partner, mit dem sie auch einen gemeinsamen Sohn hat: „Er hat nichts gefühlt. Das war alles erlernt, von anderen abgeguckt und im richtigen Moment eingesetzt. Alles ist künstlich gewesen.“

Mehr als 100 Opfer

Manipulation, extreme Kontrolle, vorgetäuschte Gefühle, Beleidigungen – für Annette Heneka vom Fraueninformationszentrum in der Neckarstadt-Ost passen diese Aspekte alle in das Bild eines Narzissten. Seit Jahren betreut sie Frauen, die psychische Gewalt in der Beziehung erlebt haben – auch Sabine und Viola. „Etwa die Hälfte der Opfer, die bei uns Hilfe suchen, erleben seelische Gewalt. In Mannheim sind das von 212 im Jahr 2017 damit etwa gut 100 Betroffene. Meistens kommen körperliche Auseinandersetzungen irgendwann dazu“, erklärt sie. In Gesprächen müssten Opfer erst lernen, dass sich ihr Partner schlecht verhalten hat, dass er der Böse war, sagt Heneka. „Das ist am Anfang schwierig“, gibt Viola zu. „Ich habe ihn schließlich geliebt, auch wenn es mir jetzt absurd erscheint.“ Annette Heneka weiß: „Die Überwindung, zur Polizei zu gehen, sich Hilfe zu holen, ist riesengroß.“ Die Frauen haben oft die Angst, dass ihnen keiner glaubt.“

Sabine und Viola stimmen zu. „Dir glaubt sowieso keiner, wenn du etwas erzählt.“ – Diesen Satz sollen beide Partner immer wieder zu den Frauen gesagt haben. Am Ende stellt sich aber heraus: Die Männer hatten Unrecht.