Mannheim

Porträt Am 5. September vor 30 Jahren begrüßte Elfriede Breiter die ersten „Gäste“ im Elternhaus der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe

Sie umsorgt und gibt Geborgenheit

Archivartikel

Zuhause – das kann ein Ort sein, ein Gebäude, ein Mensch oder viele. Immer aber ist es ein ganz bestimmtes Gefühl. „Zuhause fühlt man sich geborgen und umsorgt. Vor allem in schweren Zeiten ist das wichtig“, sagt Elfi Breiter.

Elfi „Elfriede“ Breiter hat in den vergangenen 30 Jahren viele Spitznamen bekommen, „Mama Breiter“ oder „Liebelein“ zum Beispiel. So lange leitet die 64-Jährige schon das Elternhaus der Deutschen Leukämie-Forschungs-Hilfe in der Neckarstadt-Ost. Am 5. September 1990 öffnete sie der ersten Familie die Tür, die dort auf Zeit lebte. „Gregors Familie“, erinnert sie sich. Es folgten unzählige weitere. 70 511 Übernachtungen bis heute. Von Müttern und Vätern, deren Kinder sehr krank sind und die für eine spezielle Behandlung ans Uni-Klinikum kommen. Weil sie Krebs haben, schwere Verbrennungen, Lungen- oder Infektionskrankheiten.

Neun Familien gleichzeitig

„Man weiß meistens schon, wie schlimm es ist, bevor die Menschen etwas sagen. Man sieht es an der Körperhaltung, hört es am Klang der Schritte“, erzählt Breiter. Manche Familien bleiben einige Tage, andere Monate oder ein Jahr. Neun Familien kommen zeitgleich im Elternhaus unter. „Im Aufenthaltsraum treffen die Eltern und Geschwisterkinder auf die anderen Familien, sie sprechen miteinander, teilen ihr jeweiliges Schicksal.“ Breiters Blick wandert durch den hellen Raum, an den Holzmöbeln und dem langen Tisch vorbei in den Garten.

Die zierliche Frau geht leise an der Küche vorbei in den Flur, von dem zwei Zimmer abgehen. Sie zieht eine Schranktür auf. Hier reiht sich ein Ordner an den nächsten. Sie zieht einen heraus, blättert darin. „Es ist egal, welchen wir nehmen. So viele kranke Kinder.“ Breiter fährt mit den Fingern über die Seite. Ein Mädchen, kollabierte Lunge. Drei Monate war es in der Klinik. Ein Junge, der Körper voller Brandmale. Ein Baby-Bauch, ein Säugling, angeschlossen an ein Beatmungsgerät. Elfi Breiter seufzt. „Es ist nicht einfach, aber ich habe gelernt, damit umzugehen“, sagt sie und schließt den Ordner mit der Post, die ihr betroffene Familien geschickt haben.

Breiter kümmert sich darum, dass im Haus alles funktioniert. Heizung, Sanitäranlagen, dichte Fenster. Sie koordiniert die Zimmer, nimmt die Familien in Empfang und übernimmt den „Check-out“. Fast wie in einem Hotel. Nur, dass man in einem Hotel niemanden zum Reden hat. Jemanden, an dessen Tür man um sieben Uhr morgens klopfen kann, um zu erzählen, was gestern in der Klinik passiert ist. Jemanden, der nachts beim Rauchen auf der Terrasse zuhört, den Schmerz versteht. „Diese Menschen dürfen traurig sein, mich macht ihre Geschichte auch traurig. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Es ist nicht einfach, aber es ist okay.“ Bevor Elfi Breiter „Hausmutter“ wurde, erkrankte ihre Tochter an Lymphdrüsenkrebs.

Großer Umbau steht bevor

„Dadurch bin ich zum Elternverein gekommen, dadurch hat sich auch meine Arbeit hier ergeben. Und dadurch wusste ich auch genau, was mich erwartet, als ich mit meinen Kindern in meine Wohnung hier im Haus eingezogen bin“, erinnert sie sich. Sie blieb im Haus, als ihre Tochter wieder gesund wurde. Auch als ihre Töchter längst erwachsen waren. Sie blieb, als ihre Enkelkinder zur Welt kamen. „Ich kann mir ein Leben ohne das Haus inzwischen nicht mehr vorstellen und will es auch gar nicht“, sagt sie.

Breiter und das Team des Mannheimer Ortsvereins der Deutschen Leukämie-Forschungshilfe haben sich in den vergangenen Monaten viele Gedanken über die Zukunft des Elternhauses gemacht. Und haben einen großen Umbau angestoßen. Vier Doppelzimmer sollen in zwei abgeschlossene Wohnungen umgewandelt werden. „Die Familien bekommen dadurch ganz andere Rückzugsmöglichkeiten“, sagt Breiter. Rund 100 000 Euro soll der Umbau kosten. Hierfür benötigen die Verantwortlichen rund um das Elternhaus noch Spenden.

Breiters eigenes Leben ist eng mit dem Elternhaus verwoben. Ihre Eltern halfen beim Dachausbau. „Es hat damals gestürmt, geschneit und geregnet, das Dach war abgedeckt wegen des Ausbaus. Meine Eltern haben mit Eimern das Wasser abgeschöpft“, erzählt die gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Ihr Vater hat das Gartenhäuschen zusammengezimmert. Und Breiter hat hier ihre Enkelkinder gehütet. „Bei uns war es schon immer normal, dass man sich um Menschen kümmert, die es nötig haben“, sagt sie.

Diese innere Überzeugung treibt Breiter an. Dies und ein ganz bestimmter Moment: der Augenblick, in dem die Eltern erfahren, dass ihre Kinder gesund sind und nach Hause dürfen. Nach Hause, an einen bestimmten Ort, in ein Gebäude, zu einem Menschen oder vielen.

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