Mannheim

Sinn statt Moral

Archivartikel

Endlich sind sie da: die großen Ferien! Nicht nur die Schülerinnen und Schüler werden sich darüber freuen, sondern auch ihre Lehrerinnen und Lehrer. Auch ich genieße die Sommerzeit in den großen Ferien, wenn alles etwas ruhiger ist. Auf der Straße sind weniger Autos unterwegs. Ich habe weniger Termine. Und bald werde auch ich Urlaub machen.

Die Sommerzeit ist eine Zeit, in der ich häufiger zum Nachdenken komme. Ich kann etwas Abstand gewinnen von dem, was mich sonst im Alltag beschäftigt. Doch worüber werde ich in diesem Sommer nachdenken? Was hat mich die letzten Wochen beschäftigt?

Wenn ich zurückblicke, dann habe ich den Eindruck, dass der Umgangston in unserem Land rauer geworden ist. Ich erinnere mich an die Regierungskrise und den Asylstreit, die Diskussionen über Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken. Ich denke an die Begleitumstände der Fußballweltmeisterschaft und die Affäre um Mesut Özil. Bei diesen Themen geht es nicht nur um die direkt betroffenen Personen. Es geht darin auch um die Grundwerte unserer Gesellschaft: Wie wollen wir in diesem Land miteinander umgehen? Wen heißen wir bei uns willkommen?

Wenn es um diese Art von Fragen geht, dann sind die Kirchen nicht um Antworten verlegen. Das ist sicherlich eine wichtige Rolle, die die Kirchen in unserer Gesellschaft spielen. Doch wenn es das einzige ist, wodurch sie wahrgenommen werden, dann ist das eine starke Verkürzung des Christentums. Die Moral ist schließlich nur ein Nebeneffekt des Christentums.

Glauben und hoffen

In erster Linie geht es darum, das menschliche Leben in einen anderen Zusammenhang zu stellen. Christen glauben, dass Gott den Menschen geschaffen hat und dass dem Menschen deshalb ein besonderer Wert zukommt. Dabei haben wir zwar vage Vorstellungen von Gott, wissen aber auch, dass Gott unseren Vorstellungen unähnlicher ist als er ihnen ähnlich ist. Wir Christen glauben und hoffen, weil sich das für uns aus der Geschichte Jesu Christi ergibt. Trotzdem erscheint uns das Leben manchmal sinnlos und auch wir zweifeln an der Existenz Gottes. Durch unsere Zweifel wird die Frage nach Gott aber vielleicht umso ehrlicher.

Wir Christen können Seite an Seite stehen mit den Menschen, die (noch) nicht glauben können und dennoch auf der Suche sind. Diese Suche, die man vielleicht als Suche nach dem Sinn des Lebens bezeichnen könnte, lässt sich nicht mit ein paar moralischen Hinweisen oder Vorschriften erfüllen. Diese Suche müssen auch wir Christen jeden Tag neu angehen. Auch uns steht die Wahrheit nicht einfach zur Verfügung. Auch wir müssen uns immer wieder nach ihr ausstrecken – ohne Garantie, dass wir sie erleben oder finden werden.

So gehe ich nun in diese Sommerferien. Ich möchte darüber nachdenken, was mir wirklich am Herzen liegt für mein Leben. Ich möchte die Ferienzeit dafür nutzen, diese Frage überhaupt zuzulassen. Und vielleicht gelingt Ihnen das auch!? Wenn wir uns darauf einlassen, dann bin ich zuversichtlich, dass sich auch der Umgang miteinander in unserer Gesellschaft wieder barmherziger gestalten wird.

Ich wünsche Ihnen eine erholsame Ferienzeit mit guten und vielleicht auch aufwühlenden Gedanken. Dass Sie mehr Sinn als Zweifel darin entdecken können.

Ulf Dekanatsreferent im Katholischen Stadtdekanat Mannheim Günnewig,