Mannheim

Sinnstiftende Nation?

Archivartikel

Manchmal braucht man Hilfe von außen, um etwas besser zu verstehen, obwohl man sich schon lange damit beschäftigt hat; zumindest mir geht das so.

Der Leiter der Mannheimer Akademie für Soziale Berufe machte mich auf die Wurzeln der immer noch großen Kraft des Nationalismus aufmerksam: es sind religiöse Elemente. Die Aufklärung des 17. und dann vor allem des 18. Jahrhunderts erschütterte die religiöse Vorstellungswelt nachhaltig - zunächst nicht der Massen, wohl aber der Eliten. Religion als zentrales Mittel zur Identifikation mit einer sinnstiftenden Gemeinschaft, die auch Fragen nach dem rechten Verhalten beantwortet, verliert nicht nur intellektuelle Attraktivität, sondern büßt auch emotionale Bindekraft ein. Kirche begann, ins Abseits zu geraten.

Letztlich ohne Gott

Zur gleichen Zeit entwickelt allen voran Herder - vornehmlich in Auseinandersetzung mit der Sprache, vor allem der deutschen Sprache - den Gedanken der Nation als Bindeglied zwischen Menschen, ja als handlungsorientierende und sinnstiftende Größe. Die Nation wird zur neuen Religion konstruiert - letztlich ohne Gott. Und wenn doch noch von Gott die Rede war, dann hatte er dienende Funktion im Blick auf die Nation. Beflügelnd für die nationale Begeisterung wirkten dann die Befreiungskriege gegen Napoleon. Herders Ideen erhielten Breitenwirkung.

Kein Korrektiv

Hatte die alte Religion noch ihr Korrektiv, an der sie sich messen lassen musste: die Bibel - an die man sich bekanntlich auch nicht immer hielt. Dem Glauben an die Nation fehlte ein solches Korrektiv. Die rasante Entkirchlichung nach dem Ersten Weltkrieg setzte die Massen frei für die nationalistische Indoktrination. Die sich nun auch eines nicht zuletzt durch Nietzsche vermittelten Darwinismus bediente und weiter entwickelte: der Stärkere setzt sich nicht nur durch, er soll aus dem Wege räumen, was ihn behindert. Die stärkste Nation soll siegen und herrschen!

Die „alten“ christlichen Werte, die von Gott geschenkte Menschenwürde (Gottes Ebenbild), die Nächstenliebe/Solidarität mit jedem, ja das Gebot der Feindesliebe hatten da nur noch wenig Chancen wirksam zu bleiben. Wie es weiter ging, wissen wir leider zu gut.

Hohe Attraktivität

Und heute? An vielen Stellen erlebt der Nationalismus eine deutliche Wiedergeburt – nicht nur in Deutschland. Gibt es eine Alternative, die eine Mehrheit begeistern oder zumindest in eine andere Richtung bewegen kann? Die konkrete Alternative dürfte die Globalisierung im Rahmen des internationalen Finanzkapitalismus sein. Der besitzt für viele hohe Attraktivität und ist dem Nationalismus durchaus überlegen, denn er verfügt über ein deutlich höheres Maß an Rationalität und Effizienz. Aber dient er uns einzelnen Menschen tatsächlich oder werden wir nicht hauptsächlich instrumentalisiert und von Interessen manipuliert, die nicht wirklich auf das Wohl des Einzelnen abzielen?

Jesus und seine Liebe

Ich glaube: die Liebe zueinander, die Jesus Christus gelebt und gelehrt hat, ist es wert, erinnert zu werden. Diese Liebe, die zur Solidarität zu allen Menschen geradezu zwingt, muss immer wieder zum Maßstab unseres Denkens und Handelns werden. Damit können Nationalismus und Kapitalismus relativiert, entschärft werden.

Günter Eitenmüller, Dekan

der Ev. Kirche Mannheim i.R.