Mannheim

Stadtentwicklung Das Leitbild 2030 ist auf Grundlage der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen entstanden

So wollen die Mannheimer leben

Archivartikel

Es ist ein langes Zögern am anderen Ende der Telefonverbindung. Stadtgeografin Christina West überlegt, ob ihre „Heimatstadt“ Mannheim „Vorreiter“ in Sachen Nachhaltigkeit ist, wenn man es mit anderen Kommunen der Größenordnung vergleicht: „Bis hierher“ ja, findet die Expertin von der Hochschule Darmstadt. In vielen anderen Städten sei wesentlich undurchsichtiger, „wohin die Reise gehen soll“.

Die Verwaltung hat nach eigenen Angaben mit mehr als 2500 Bürgern, mit Unternehmen, Institutionen, Vereinen und Initiativen Anregungen für das Leitbild „Mannheim 2030“ zusammengetragen. Darin steht, wie das Leben hier in gut zehn Jahren im Idealfall aussehen soll. Der Gemeinderat hat es im März mit großer Mehrheit beschlossen. Zentral sind dabei die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, die auf den Seiten 2 und 3 dieser Ausgabe vorgestellt werden. In sieben Kernzielen (Abbildung) geht es um die Frage: Wie sind diese auf Mannheim übertragbar?

Weniger Plastik

Einiges hat sich bereits getan: Mit dem Green-City-Ticket können Bürger seit Januar günstiger Bahn und Bus fahren als zuvor. Auch das Radwegenetz wird ausgebaut. Und schon seit Frühjahr 2018 soll der wiederverwendbare „Mannheim-Becher“ Kaffeebehälter aus Papier und Plastik ersetzen. Nun will die Stadt unter anderem mehr öffentliche Trinkwasserspender aufstellen und perspektivisch Wegwerfplastik verbannen – bei eigenen Terminen, aber auch über die Sensibilisierung anderer Veranstalter.

Gerechtere Bildung

Viel zu tun sieht Christian Hübel, Leiter der Abteilung für Strategische Steuerung bei der Stadt, vor allem bei Punkt 4, nach dem die Verwaltung gerechte Bildung gewährleisten will. Die Bildungschancen eines Kindes sind in Deutschland stark von der sozialen Herkunft der Eltern abhängig. Mannheims Bemühungen, daran etwas zu ändern, sind in der Vergangenheit auch überregional gewürdigt worden. Wie viele Kinder zum Beispiel aufs Gymnasium wechseln, unterscheidet sich je nach Stadtteil aber immer noch beträchtlich.

Natürlich geht es auch um Verkehr: „Wie können wir die Stadt für Fußgänger besser gestalten?“, fragen sich Hübel und seine Mitstreiter etwa. Er sei offen für Versuche: etwa mit temporären Straßensperrungen oder der Umnutzung von Parkplätzen. Dabei bleibe aber die Frage: „Wie ist das vereinbar mit den Interessen von Handel und Pendlern?“ Hübel wünscht sich, dass es gelingt, Vorbehalte mit positiven Erfahrungen statt mit Verboten zu überwinden.

Die Nachhaltigkeitsziele der Stadt betreffen aber nicht nur die Lage vor Ort, betont Hübel: So habe man beim Kauf der neuen Planken-Pflaster beispielsweise darauf geachtet, dass die Steine nicht durch Kinderarbeit produziert worden seien. Oder: In der türkischen Stadt Kilis, in der viele Menschen aus Syrien Zuflucht suchen, ermöglicht die Stadt mit der Justus-von-Liebig-Schule die Ausbildung von Geflüchteten zu Köchen, Kosmetikern und Frisören.

„Mannheim zeigt sich deutlich offener, die globale Perspektive mitzudenken, als andere Städte“, beobachtet Wissenschaftlerin West. Sie kenne keine Kommune dieser Größenordnung, die sich so stark an den Nachhaltigkeitszielen der UN orientiere. „Mannheim hat auf sehr clevere Art – und mit einer gewissen Originalität – eine Strategie aufgelegt, die zur Stadt passt.“ Die Ziele seien klar formuliert, leicht verständlich und anschlussfähig. Andere Kommunen erstellten Masterpläne, die „oftmals in tradierten Planungsprozessen und -vorstellungen verharren und ohne große Beachtung in der Schublade verschwinden“. In Mannheim, lobt sie, dürften die Bürger mitreden.

Wests Einschätzung bleibt dennoch vorsichtig – womit sie ihr anfängliches Zögern erklärt: Die Strategie sei gut, aber mit ihrer Offenheit mache sich die Stadt auch angreifbar. Messen lassen müssen werde sie sich an der Umsetzung. Und das sei ein komplexes Thema: „Wir brauchen dringend bezahlbaren Wohnraum in Innenstädten. Um die Klimaziele zu erreichen, müssen jedoch gerade günstige Bestände saniert werden“, gibt die Geografin ein Beispiel. Damit stiegen auch hier wieder die Kosten.

Hübel betont, dass die Umsetzung etwa über den Haushaltsplan transparent – und messbar – ablaufen soll. Ende 2020 will die Verwaltung wieder mit Bürgern darüber sprechen: „Wo sind wir gut? Wo schlecht? Und wie können wir da besser werden?“

Info: Das Leitbild ist abrufbar unter: https://bit.ly/2kU08Wm

Zum Thema