Mannheim

Spiegelbild des Lebens

Ob hier in der Region oder weiter weg im Urlaub: Fürbitten- und Anliegenbücher, die heute in vielen Kirchen ausliegen, üben eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Mehr als die Baugeschichte oder die künstlerische Gestaltung des Kirchenraumes interessiert mich häufig, was in den Büchern steht: Welche Anliegen und Bitten haben die Menschen, die diese Kirche aufsuchen? Welche Nöte und Ängste sorgen sie? Für welche schönen Ereignisse und Erfahrungen wollen sie danken? Welche Erfahrungen haben sie mit Gott gemacht, was erhoffen sie von ihm und welche Enttäuschungen und Zweifel machen es ihnen schwer, an Gott zu glauben? Häufig wirken diese Bücher auf mich wie ein Spiegelbild des Lebens.

Vor einiger Zeit war ich für Krankenbesuche in einer Heidelberger Klinik. Auch in der dortigen Krankenhauskapelle gibt es ein solches Buch für die Anliegen und Gedanken der Patienten, Besucher und Mitarbeiter. Auf den Seiten dieses Buches liegen - wie im Gebäude der Klinik selbst - Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, Dank und Klage so nahe beieinander, dass das menschliche Leben mit allen seinen Facetten, mit aller Schönheit und auch Brutalität, wie im Brennglas verdichtet erscheint. Da schreibt sich auf einer Seite eine Frau die Angst vor einer schweren OP am nächsten Tag von der Seele, auf der nächsten dankt eine frischgebackene Großmutter für die glückliche Geburt ihres Enkels. Auf den Dank für die Heilung nach langer Krankheit folgt die verzweifelte Klage über den langen Leidensweg und die Frage nach dem Sinn des Leidens eines Menschen.

Vertraue auf das Licht in Dir

Zwischen den Einträgen habe ich das folgende Gedicht gefunden. Eine Frau hat es geschrieben, während sie ihre Mutter im Sterben begleitete:

Vertraue!

Vertraue auf das Licht in Dir, lass es wachsen und strahlen!

Vertraue auf die Quelle der Liebe in Dir, SEI Liebe und teile sie mit allen!

Vertraue auf die Freiheit in Dir, mit dieser Kraft kannst Du schweben!

Vertraue auf die Talente in Dir, erwecke sie, bringe sie ins Leben!

Vertraue auf den Frieden in Dir, Du kannst ihn an die Menschheit verteilen!

Verwandle Deine Ängste und Sorgen in Sterne, lass sie lachend am Himmel erscheinen!

Sie zeigen Dir Deinen lichtvollen Weg aus der Ferne, helfen den Herzen der Menschen sich zu vereinen!

Tue alles in Liebe und Dankbarkeit und bedenk:

Das ist für Dich und die Welt Dein schönstes Geschenk!

Worte machen Mut

Mich haben die Worte, die diese Frau in ihrer Situation finden konnte, tief berührt. Sie machen Mut, auch in den dunkelsten Momenten des Lebens Hoffnung und Zuversicht nicht zu verlieren. Als Christin bestärkt es mich, darauf zu vertrauen, dass Gott gerade auch in den einsamen und schmerzvollen Momenten unseres Lebens an unserer Seite geht. Viele machen diese Erfahrung vor allem durch andere Menschen. Und auch der Dank an sie ist auf den Seiten des Anliegenbuches in der Krankenhauskapelle zu finden: Die Freundin, die anruft und sich interessiert, der Krankenpfleger, der sich Zeit nimmt und auch mal ein paar Worte wechselt, die Ehrenamtlichen des Besuchsdienstes, die alte und kranke Menschen besuchen und viele mehr. Manchmal sind Fürbitten- und Anliegenbücher eben auch Mutmacher-Bücher. Kathrin Grein, Pastoralreferentin