Mannheim

Depressionen Suizid-Überlebender Viktor Staudt zu Gast im Bildungszentrum sanctclara

Sprechen über seelisches Leid

Archivartikel

„Herr Staudt, können Sie mich hören?“ Es sind diese Worte, mit denen nicht nur die Lesung an diesem glühend heißen Nachmittag in Mannheim beginnt – es sind auch die ersten, die Viktor Staudt im Amsterdamer Klinikum hört, nachdem er sich das Leben nehmen wollte. Aus Verzweiflung hatte sich der damals 30-Jährige vor einen Zug geworfen und sein Leben schwer verletzt zurückgewonnen, dafür aber die Beine verloren.

Staudt ist der prominente Gast der ökumenischen „Woche für das Leben“, die im Bildungszentrum sanctclara in den Quadraten bereits am frühen Nachmittag mit einem Aktionstag auf sich aufmerksam macht. Während ZI-Oberarzt Andreas Böhringer in seinem Vortrag klarstellt, warum Verharmlosungen im Umgang mit depressiven Menschen vor und nach versuchten Suiziden der falsche Weg sind, weisen nur einen Raum weiter Hilfsorganisationen den Weg. Von der psychologischen Beratungsstelle der Stadt bis hin zur Telefonseelsorge beantworten ehrenamtliche und professionelle Helfer die Fragen, die Betroffenen und Angehörigen auf den Nägeln brennen – und immer häufiger kommuniziert werden. „Auch wir als Telefonseelsorge spüren, dass unsere Beratung immer stärker gebraucht wird“, sagt Elke Rosemeier, die das Aktionstelefon in der Quadratestadt leitet. Wie bedeutend das Sprechen über die eigenen seelischen Leiden ist, wird deutlich, als Viktor Staudt seinen Vortrag zwischen frei erzählter Anekdote und packender Lesung eröffnet. Lange bevor der heute 50-Jährige am 12. November 1999 beschließt, Schienensuizid zu begehen, ist die Biografie eines Jungen nachvollziehbar, der bereits als Elfjähriger kaum Freude empfand, bei Treffen mit Freunden Panikattacken erduldete und auch noch beim Sprechen zu stottern begann. Die richtige ärztliche Hilfe bekommt er damals keineswegs – gibt sich mit Schlaftabletten und jeder Menge Ratschläge gegen den aufkommenden Stress zufrieden. Bis er an seinem Frust fast zerbricht. „Ich weiß nicht, ob mich ein Antidepressivum und echte angebotene Hilfe damals gerettet hätte“, wie es Staudt die Zuhörer wissen lässt, „aber diese Unterstützung hätte mich auf jeden Fall zurückgehalten“. Ohnedies, und daran lässt auch Staudt keine Zweifel, seien Depressionen nichts Kurierbares.

Heute leidet der Mann, der auf erstaunliche Weise in sein Leben zurückfand, an Phantomschmerzen und Angstzuständen und gibt dennoch der Erkenntnis Raum, dass man mit Depressionen leben kann, wenn die Einstellung stimmt. „Der Anfang psychischer Hilfe ist immer das Reden“, wie der Autor resümiert und damit Besucherin Maya Schwarz tief beeindruckt: „Einen Menschen zu erleben, der mit dieser Offenheit, aber auch Kraft und Humor über schwere Dinge spricht, schafft Mut und Zuversicht.“ mer

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