Mannheim

Grundschulen Gespräch mit der geschäftsführenden Leiterin Cordula Rößler über die Vorgaben des Kultusministeriums / Heterogenität als Hauptproblem

„Ständige Veränderungen machen uns atemlos“

Cordula Rößler ist lange genug im Geschäft, um die vielen Vorurteile gegenüber Lehrern zu kennen. Deshalb ärgert sich die geschäftsführende Leiterin der Mannheimer Grundschulen (Bild: Hans-Christian-Andersen-Schule), wenn Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) solche Ansichten bestärkt, indem sie in Interviews von „nicht optimalem“ Umgang mit der heterogenen Schülerschaft spricht oder besseren Unterricht fordert.

„Das ist zu kurz gegriffen“, findet Cordula Rößler: „Das Engagement der Kolleginnen ist ungebrochen – trotz aller Belastungen.“ Aber gerade diese Belastungen seien es, die den Alltag so schwermachten. Die „hohe Heterogenität“ der Schüler sei eine sehr große Herausforderung: „Wir haben einen extrem unterschiedlichen Leistungsstand, mangelnde oder zum Teil gar keine Deutschkenntnisse, Inklusion und unterschiedliche Kulturkreise.“ Das alles zu bewältigen sei schon unter normalen Umständen sehr schwer.

Dass die Umstände aber nicht normal sind, dazu trage das Kultusministerium bei – mit ständig neuen Konzepten: „Es ging kein Jahr vorbei ohne Änderungen. Das hat uns atemlos gemacht. Schule muss sich doch konzentrieren können auf ihre eigentliche Aufgabe“, findet Rößler, dass der „Bildungsauftrag in den Hintergrund gerät“. So galt es etwa, im Zusammenhang mit dem verordneten Bildungsplan Lernentwicklungsgespräche zu führen. Die verfügte Verbindlichkeit der Ganztagsschule erforderte eine neue zeitliche Rhythmisierung und inhaltliche Verschiebungen. Und das plötzlich aus Stuttgart verkündete Ende der verbundenen Grundschrift warf die beteiligten Modellschulen zurück.

Jede Veränderung, so Cordula Rößler, „löst sofort eine Lawine aus“. Neue Konzepte müsse man auf den Unterrichtsalltag abstimmen, den einzelnen Lehrern und den Eltern nahebringen. „Bis ich das allen Kollegen erklärt habe, ist das Schuljahr um, und es kommt wieder etwas Neues“, klagt die Rektorin.

Zu viel Verwaltungsaufwand

Viel Hoffnung, dass sich daran etwas ändert, hat sie nicht. So hatte die Kultusministerin nach dem etwas schlechteren Abschneiden der baden-württembergischen Grundschulen bei der IQB-Bildungsstudie unter anderem zentrale Klassenarbeiten angekündigt – ein Modell, das nicht nur erneuten Mehraufwand bringt, sondern Kinder „zum „Starren auf Ziffernnoten“ bewege. Davon hält Rößler gar nichts.

Auf der anderen Seite würden erfolgreich laufende Konzepte beendet, wie etwa der fremdsprachliche Unterricht in den ersten beiden Schuljahren. Gerade in Englisch hätten die Kinder ungeachtet ihrer ganz unterschiedlichen Deutschkenntnisse „den gleichen Ausgangspunkt“. Sprachförderung passiere hier spielerisch, „mit viel Musik und Rhythmus. Und gerade das soll jetzt weg“, wundert sich Rößler.

Erschwerend hinzu komme, dass sowohl Schulleitung als auch Lehrer immer mehr Verwaltungsaufwand zu bewältigen hätten – etwa für sonderpädagogische Gutachten, Netzwerktreffen oder Beratungsverfahren. Für das Management des Ganztagsbetriebs – einschließlich der Budgetverwaltung – bekommt Rößler gerade mal zwei Stunden pro Woche zugebilligt. Und die schlechte Bezahlung der Lehrkräfte führe dazu, dass es in Grundschulen kaum Männer gebe. Dabei „würde das dem Unterricht sehr gut tun“.