Mannheim

Kultur Neue Schau mit ägyptischen Gefäßen ergänzt die Dauerausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen / Eröffnung am Sonntag

Steinharte Kostbarkeiten

Wer dieser Tage durch die Ägypten-Ausstellung läuft, die in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen (REM) seit November 2014 die Geschichte eines „Landes der Unsterblichkeit“ erzählt, dürfte überrascht auf Neuland stoßen. Denn Kuratorin und Ägyptologin Gabriela Pieke ist der Clou gelungen, stolze 100 Exponate internationaler Sammler aus den Niederlanden und der Bundesrepublik zusammenzufassen und zu einer Schau zu vereinen, die einen ganz anderen Blick auf den alten Pharaonenstaat wirft. „Sonst bringt man Ägypten oft mit Mumien und unbeschreiblichen Schätzen in Verbindung – nun wollten wir einen ganz anderen Zugang schaffen“, wie Kuratorin Pieke erklärt. Es geht um Steinkunst.

Einen gänzlich neuen Raum hat man der Studioausstellung gewidmet, die ab Samstag ihre Tore öffnet und zeigen soll, dass der Designgedanke schon stolze 6000 Jahre alt ist. Die Gründe dafür sind ebenso überzeitlich wie einleuchtend: „Es ging um Repräsentation“, sagt die Kuratorin.

Ägypten befindet sich rund 4000 Jahre vor Christus in der Phase der ersten pharaonischen Dynastie und ist voll von Herrschern und Gottheiten, die mit aufwendigster Kunst verehrt werden müssen. Im Auftrag des Pharaos persönlich ziehen Forschungstrupps ins südwestliche Nirgendwo, 80 Kilometer von Abu Simbel entfernt, aber auch in die entlegenste westliche Steppe, um seltene, schwere Gesteine in wochenlangen Expeditionen und unter Einsatz des eigenen Lebens abzubauen. „Selbst heute brauchen erfahrene Ägyptologen Tage, um zu diesen Abbauregionen vorzudringen – man kann sich kaum vorstellen, welche Strapazen die Menschen vor vielen Tausend Jahren für diese Schätze auf sich genommen haben“, erklärt Gabriele Pieke.

Ohne Ornamente

Mit Kupferhämmern, Drillbohrern und Sandstein als Material zum Schmirgeln wurden die mächtigen Gesteine anschließend in tagelanger Kleinarbeit ausgehöhlt, in Form gebracht und poliert. Auch für routinierte Kunsthandwerker eine Arbeit, die der Ausstellung ihren passenden Titel verleiht: „Stein(h)art“. Wobei sich auch die Kunst als „Art“ keineswegs von ungefähr mit in das Motto der Sonderschau eingereiht hat. Denn in ihrem Purismus kommen die Ohrengefäße und Teller, Kosmetiktiegel und Parfümflaschen zwar überraschend unornamentiert daher, was aber durchaus seine Gründe hatte, waren die Unikate bewusst als Grabbeigabe und damit für die Ewigkeit gedacht. „Was man zum Leben brauchte, wurde in Ägypten und dem vorderen Orient aus Lehmziegel und Keramik gefertigt, für diese exklusiven Gefäße wählte man dann den erlesenen Stein“.

Die Bedeutung der Gefäße an sich schmälerte sich wegen fehlender Farben oder Ornamente deshalb jedoch keineswegs. Riesige Rundboden-Schalen aus dem schwarz-weiß-gefleckten Andesitporphyr, Amphoren aus kostbarem Basalt oder einen filigran gearbeiteten Teller aus dem hellen, fast transparenten Kalzit-Alabaster konnten sich demnach gerade einmal ein Prozent der Familien als Grabbeigabe erlauben. Ein Stoff eines ganz besonderen Totenkultes also. Jedoch einer, der deshalb nicht weniger fasziniert.

Heute noch modern

Ein riesiges Bild der legendären Djoser-Stufenpyramide aus Saqqara von 1875, das Wilhem Reiß persönlich auf seiner Expedition fertigen ließ, deutet schon auf einen Kult hin, den Gabriele Pieke so beschreibt: „Wer weiß, dass viele dieser Arbeiten in eine Zeit der Ausbildung erster Schriften fällt, die oft mit den gleichen Hämmern gearbeitet wurden, wie diese Gefäße, der hat viel über den Stellenwert solcher Exponate verstanden.“

Und die REM-Ausstellung „Stein(h)art“ lehrt den Zuschauer nicht nur, dass selbst viele Jahrtausende alte Kunstgegenstände heute noch in jeder Designwohnung überzeugen würden: Glanzlichter wie ein goldbeschlagener Lapislazuli-Flacon zeigen auch, dass die Seidenstraße auch vor gut 3000 Jahren schon eindrucksvoll wirkte.