Mannheim

Streit tut gut

Archivartikel

Worüber streiten Sie miteinander, wenn Sie sich streiten?“ Diese Frage stelle ich allen Paaren, wenn ich mit ihnen die kirchliche Trauung vorbereite. Dabei geht es auch darum, das Paar und seine Geschichte etwas kennenzulernen. Einige Paare lachen, wenn ich die Frage stelle, und fangen an von ihren alltäglichen Konflikten zu erzählen. Da geht es ums Aufräumen der Wohnung oder die Wahl des Fernsehprogramms. Andere berichten von ernsthaften Krisen und Problemen, die sie als Paar schon gemeistert haben.

Häufig blicke ich nach dieser Frage aber in beinahe entrüstete Gesichter. Mindestens einer der Partner sagt dann sinngemäß: „Streit? Wir streiten uns nicht, wir lieben uns.“ Zugegebenermaßen, das ist eine recht persönliche Frage. Und wahrscheinlich möchten einige Paare einfach nicht mit mir darüber reden. Doch nicht nur bei dieser Gelegenheit nehme ich eine wachsende Scheu vor Konflikten in der Gesellschaft wahr. Streit macht vielen Menschen Angst, weil sie ihn als Gefahr für ihre Beziehungen empfinden. Sie sehen sich dabei als Menschen nicht nur in ihren Interessen, sondern auch in ihrer Würde bedroht. Konflikte gelten als Gift für ein harmonisches Miteinander.

Nur gegen die Sache

Streit nervt und überfordert. Denn viele Menschen wissen offensichtlich nicht mehr, wie man streitet. Rasch eskalieren Allerweltsituationen, sei es in der Partnerschaft, auf dem Schulhof, im Straßenverkehr oder in Internetforen. Schnell drohen Menschen anderen Menschen, beleidigen sie, würdigen sie herab oder wünschen ihnen den Tod.

Dabei ist Streiten eine notwendige Kulturtechnik, um in einer Gemeinschaft leben zu können. Es ist wichtig, dass Menschen die Erfahrung machen, dass man bei einem Streit zwischen Thema und beteiligten Personen unterscheidet: Ich argumentiere gegen die Sache und nicht gegen den Menschen.

Das fällt mir persönlich umso leichter, je öfter ich mir Folgendes ins Gedächtnis rufe: Die Frau oder der Mann, mit denen ich mich gerade auseinandersetze, ist ein ebenso geliebtes Geschöpf Gottes wie auch ich. Für mich ist das eine der schwierigsten geistlichen Übungen – vor allem bei Menschen, die Hass und Lügen verbreiten. Zugleich ist diese Einsicht eines der größten Geschenke meines Glaubens.

Online fehlt Respekt

Die Anonymität und die räumliche Distanz, die das Internet bietet, hat zur Verrohung der Streitkultur beigetragen. Für diesen Schluss muss man kein Kulturpessimist sein. Es geht im Netz respektloser zu. Pöbler müssen keine Konsequenzen fürchten. Und das Verhalten im Internet färbt auf den persönlichen Umgang ab.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Dieser Satz des Apostel Paulus (Römer 12,21) wurde mir zur Streitmaxime. Sie ermahnt mich, stets höflich zu den Menschen, aber hart in der Sache zu sein. Ich frage den anderen nach Fakten für seine Position und begründe meine Ansicht gleichermaßen. Pöbeleien erwidere ich nicht. Ich habe in vielen Fällen gute Erfahrungen damit gemacht. Aus Konfrontationen wurden Dialoge. Als Christen müssen wir Streit nicht fürchten, wenn wir ihn aus der Liebe Gottes und im Geist der Versöhnung führen. Streit tut einer Gemeinschaft gut.

Sebastian Carp,

Pfarrer der Evangelischen

Kirche in Mannheim

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